Die 2000er Jahre: Medizin, Verkehr, ­Sicherheit und mehr

Think big: Seit dem neuen Jahrtausend unterstützt das Institut die gesamte Prozesskette industrieller Unternehmen und seine Lösungen wirken weit über die Industrie hinaus. Die 2000er Jahre waren zudem eine Zeit wachsender Kooperation: Innerhalb der Fraunhofer-Gesellschaft entstanden erst die Allianzen, dann die Innovationscluster, die Kompetenzen bündelten und die Schlagkraft und Sichtbarkeit der Institute verstärkten.

2000: Start in ein neues Jahrtausend

© Fraunhofer IPK
1985 hatte ein Bombenanschlag auf die Baustelle in der halb fertigen Versuchsfeldhalle Teile der Glasfront zerstört und Stahlverstrebungen verbogen,…
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…und nach einem weiteren Anschlag auf Professor Spur wurde das Gebäude eingezäunt. In den 2000er Jahren verschwand der Zaun.

Hurra, wir leben noch! 

Ein Gedankenspiel: Was hätte es für ein Produktionsinstitut mit starkem Digitalfokus bedeutet, wenn der Millennium-Bug durchgeschlagen hätte? Das sogenannte Y2K-Problem war entstanden, weil in der Frühzeit des Computerzeitalters aus Speichergründen Jahreszahlen zweistellig dargestellt wurden – »99« statt »1999«. Da diese Praxis sich tief in die Systeme eingegraben hatte und nicht überall zuverlässig behoben werden konnte, bestand die Sorge, dass der Übergang von »99« zu »00« fälschlich als Wechsel zu 1900 interpretiert würde, was schwerwiegende Konsequenzen für datengetriebene und computergesteuerte Prozesse gehabt hätte. 

Im Fraunhofer IPK mit seinen zahlreichen, hochsensiblen Maschinensystemen ist schon ein einfacher Stromausfall ein Problem, da ein plötzliches Abschalten schwere Anlagenschäden nach sich ziehen kann. Bei den vielen digitalen Projekten, etwa zu Mustererkennung oder Condition Monitoring, drohte noch Schlimmeres: Datenreihen hätten korrumpiert und uninterpretierbar werden können. In einem extremen Krisenszenario hätten zudem Maschinen nicht mehr oder fehlerhaft auf Eingaben reagiert und wären dadurch beschädigt worden. Weiter denken wir nicht, denn zum Glück kam es anders. Der Jahreswechsel 1999 zu 2000 verlief am Fraunhofer IPK so reibungslos wie anderswo – und das neue Jahrtausend brachte für das Institut nach innen wie außen Veränderungen, die den Boden ebneten für ein erfolgreiches Jahrzehnt, in dem die kumulierten Jahresergebnisse des Instituts ebenso wieder anstiegen wie die Mitarbeiterzahlen. 

Zaun weg, Türen auf: Schaut, was wir machen! 

Apropos »ebnete«: Auf älteren Fotos ist zu sehen, dass das PTZ viele Jahre lang eingezäunt war. Der Zaun umschloss das ganze Gelände und machte die Pascalstraße auf Höhe der Kucharskistraße unpassierbar. Der Zugang erfolgte über ein Pförtnerhaus vor der Schlesingerstraße. Die Einfriedung war eine Sicherheitsmaßnahme: Während der Bauphase war am 29. April 1985 im Rohbau des Versuchsfelds ein Sprengsatz explodiert, ein weiterer zündete kurz vor der Gebäudeeinweihung 1986 auf Professor Spurs Privatgrundstück. Die Hintergründe wurden nie ganz geklärt, doch Kritik an gemutmaßten Forschungsinhalten sind die plausibelste Erklärung. 

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Bei den Langen Nächten der Wissenschaft gehen Besucher auf Tuchfühlung mit Produktionstechnologien.
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Bis heute ist der Mädchen-Zukunftstag »Girls‘ Day« ein überaus beliebtes Format.

Nicht zuletzt deshalb hatte sich bis zum Beginn der 2000er die Kommunikation des Hauses gewandelt. Schon nach den Anschlägen hatte Professor Spur eingeräumt, »wahrscheinlich zu wenig mit der Öffentlichkeit gesprochen« zu haben. An der Öffentlichkeitsarbeit des Instituts wurde danach kontinuierlich gearbeitet – die Maßnahmen gipfelten darin, dass Professor Eckart Uhlmann 1999 die Hauszeitschrift »FUTUR – Vision, Innovation und Realisierung« ins Leben rief. Sie sollte vor allem potenzielle FuE-Partner über die Aktivitäten des Instituts informieren und damit eine aktuellere und zielgerichtetere Ergänzung zu den Institutsjahresberichten bieten. 

Noch unmittelbarer greifbar für Außenstehende wurde die Forschung im PTZ durch ein neues Veranstaltungsformat, das 2001 an den Start ging: In der »Langen Nacht der Wissenschaften« öffnen Berliner und Potsdamer Wissenschaftseinrichtungen einmal im Jahr die Türen zu ihren Laboren und Versuchsstätten und erklären jedem, der hineintritt, woran ihre Forschenden gerade arbeiten. Auch die Institute im Produktionstechnischen Zentrum Berlin waren ab der ersten Ausgabe dabei. Fast zeitgleich starteten Formate zur Nachwuchsförderung wie der Mädchen-Zukunftstag »Girls‘ Day«, der im Fraunhofer IPK regelmäßig ausgebucht ist. 

Zu so viel Offenheit passt kein Zaun – darum verschwand das Pförtnerhaus im Lauf der 2000er Jahre und der Zaun wurde so weit zurückgebaut, dass er heute nur noch den Parkplatz des PTZ umgibt. 

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Die FUTUR, das Kundenmagazin des PTZ, informiert seit 1999 Partner und Interessierte aktuell und detailliert über Forschungsinhalte von IWF und Fraunhofer IPK.

2000: Mit der Charité im OP

Produktionskompetenz in die Medizintechnik

Eines der Entwicklungsfelder, die Professor Eckart Uhlmann dem Fraunhofer-Vorstand 1997 für die Umgestaltung des Fraunhofer IPK vorgeschlagen hatte, war die Medizintechnik. Der Gedanke ist naheliegend: Bestimmte fertigungstechnische Verfahren sind eine Bereicherung für die Medizin – sie dort zu platzieren erfordert ein Zusammenspiel produktionswissenschaftlicher, medizinischer und medizintechnischer Kenntnisse. Hinzu kam, dass das Fraunhofer IPK über zahlreiche Kompetenzen verfügte, die für die Medizin interessant sind: die Mikro- und Steuerungstechnik, Bildgebung und bildauswertende Verfahren sowie Aspekte des Qualitätsmanagements. Anwendungen auf den Gebieten Implantate, mechatronische OP-Unterstützungssysteme und Robotik ließen sich damit ebenso realisieren wie Entwicklungen in den Bereichen Endoskopie, CT und MRT. 

Auf Initiative von Professor Uhlmann und dem Direktor der Klinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie sowie Klinische Navigation und Robotik der Charité, Professor Jürgen Bier, wurde daher im Jahr 2000 eine Kooperation zwischen Fraunhofer IPK und Charité ins Leben gerufen. Gleichzeitig startete im September 2000 im Fraunhofer IPK der Bereich »Assistenzsysteme für die Medizin«, dessen Leitung Professor Tim Lüth übernahm. Der studierte Elektrotechniker mit einer Promotion in Roboterfertigung befasste sich zu diesem Zeitpunkt an der Charité mit klinischer Navigation und Robotik und war damit der ideale Experte, um das fertigungstechnische Know-how des Fraunhofer IPK in die Medizintechnik zu übertragen. 

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Prof. Tim Lüth (r.) mit einem Navigated Control System zum exakten Fräsen an der Wirbelsäule auf der Hannover Messe 2002
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Bei den AR-Endoskopiesystemen aus dem Fraunhofer IPK wurden mit Augmented Reality (AR) Informationen für den Chirurgen in das Endoskopbild eingeblendet.
© Fraunhofer IPK / Angela Salvo
ORBIT im Prototypenstadium im Medizintechniklabor des Fraunhofer IPK 2013. Der Roboterarm führt die Röntgenquelle auf einem Orbital mit dem Detektor, den eine eigene Kinematik unter dem OP-Tisch bewegt.
© Fraunhofer IPK
Sterilgutlogistik der Zukunft: Im Projekt »Cir.Log®« entstand eine Lösung, um mithilfe von Algorithmen des maschinellen Lernens OP-Instrumente markerlos, das heißt nur anhand ihres Aussehens zu erkennen und nachzuverfolgen.

Zwischen klinischer Navigation und Robotik

Die Kooperation mit dem Fachgebiet Navigation und Robotik der Charité firmierte unter dem Titel »Berliner Zentrum für Mechatronische Medizintechnik (BZMM)«. Die Themen, an denen das BZMM arbeitete, fokussierten vor allem auf Lösungen für die bildgeführte und minimal-invasive Chirurgie. Dazu gehörten der weltweit erste interaktive Roboter für chirurgische Eingriffe am menschlichen Kopf, Navigationssysteme für endoskopische Operationen mit Augmented-Reality-Unterstützung oder Technologien für das 3D-Röntgen. 

Die Technologien, die dabei entstanden, waren nicht nur praxisfokussiert, sondern auch ausgezeichnet. Für ein Navigationssystem zur Anwendung bei Knochentransplantationen wurde Professor Lüth 2004 mit dem Forschungspreis für Medizintechnik des BMBF ausgezeichnet. Es sollte dafür sorgen, dass Knochentransplantate besser passen, indem es die Geometrie des Knochen­defekts erfasste, ein optimales Passstück errechnete und später den Chirurgen beim Herausfräsen des Ersatzknochens unterstützte. 

Für ein Projekt mit dem Titel »Entwicklung und Evaluation eines 3D-Röntgenscanners« erhielten Emanuel Jank, Dr. Timo Krüger, Professor Jörg Krüger und Professor Uhlmann 2007 eine Auszeichnung im Innovationswettbewerb des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zur Förderung der Medizintechnik. Das Projekt wurde aus 92 eingereichten Konzepten ausgewählt. Die Ergebnisse aus dem Projekt führten in den Folgejahren zur Entwicklung des intraoperativen 3D-Röntgenscanners ORBIT. ORBIT realisierte ein neuartiges Bildaufnahmekonzept, bei dem Röntgenquelle und Detektor aus der starren Anordnung in einem C-Bogen gelöst und während des Röntgenvorgangs gekoppelt um den Patienten geführt wurden. Damit sollte eine dauerhafte Installation am OP-Tisch ermöglicht werden. Die größte Besonderheit von ORBIT war aber, dass er Röntgenbilder ohne Artefakte erzeugen konnte. 2014 erhielt das Projekt »ORBIT« den German High Tech Champions Award. 

Aus organisatorischen Gründen wurde der Bereich Medizintechnik am Institut 2016 aufgelöst. Die inhaltlichen Arbeiten wurden jedoch zu großen Teilen weitergeführt – insbesondere jene zur artefaktfreien Bilderzeugung. Zudem wurden neue Forschungsgebiete mit Gesundheitsbezug erschlossen, etwa in den Bereichen Oberflächenmodifikation für Implantate, Instrumentenerkennung für die Sterilgutlogistik sowie bei Forschungsfragen der Pharmaindustrie. 

2001: Zentrum für Mikrosystemtechnik (ZEMI) Berlin

Produktion ganz klein

Haben Sie einmal darüber nachgedacht, wie klein ein Mikrometer ist? Oder ein Nanometer? Ein Mikrometer ist ein Tausendstel eines Millimeters, ein Nanometer sogar ein Millionstel. Bildhaft gesprochen verhält sich ein Nanometer zu einem Meter wie der Durchmesser einer Haselnuss zu dem unserer Erde. Dass der Mensch so kleine Strukturen schaffen kann, scheint unvorstellbar – und doch ist es möglich und notwendig. Die Mikro­systemtechnik schafft nicht nur kleinste Bauteile, sondern auch Oberflächen mit exaktester Struktur und höchster Oberflächengüte. Sie ist Grundvoraussetzung für Produkte mit miniaturisierten Komponenten, wie zum Beispiel Smartphones.

Mikrotechnische Expertise hielt im Lauf der 1990er Einzug in die Forschungsaktivitäten des Fraunhofer IPK. Ein Ausgangspunkt war die Übernahme einer Arbeitsgruppe der ehemaligen Akademie der Wissenschaften der DDR, die sich mit Ultrapräzisionsmesstechnik befasste.Mit ihr kam auch eine erste Ultrapräzisionsmaschine ans Fraunhofer IPK. Den Beginn der FuE-Arbeiten zur Mikrofertigungstechnik markierte im Oktober 1995 das DFG-Schwerpunktprogramm »Mikromechanische Produktionstechnik«. Es folgten erste industrielle Verbundprojekte, in denen die Ergebnisse der Grundlagenforschung in mikrotechnische Applikationen überführt wurden.

© Oliver Möst und Florian von Ploetz, Foen X Photostudio Berlin
Mikrodrahterodierte Zahnräder, circa 2004
© Fraunhofer IPK
Und noch kleiner: Referenzstruktur zur Erfassung von Bearbeitungsgrenzen in der Funkenerosion
© Fraunhofer IPK / Bernd Bresien
Auch hochpräzise Oberflächen, zum Beispiel für optische Komponenten, sind ein Produkt der Mikrofertigung.

Gebündeltes Know-how am Standort Berlin

Mit seinen Aktivitäten zur Mikrofertigung war das Fraunhofer IPK am Standort nicht allein. Ende der 1990er Jahre besaß Berlin etwa 400 Firmen und 24 Forschungseinrichtungen, die sich mit der Entwicklung mikrosystemtechnischer Komponenten, Verfahren, Werkstoffe und Produkte befassten – hervorragende Voraussetzungen, um die Hauptstadt als Kompetenzzentrum für die Mikrosystemtechnik zu etablieren. 

Vor diesem Hintergrund konstituierte sich Ende 1999 ein Forschungsverbund renommierter Berliner Forschungseinrichtungen mit dem Ziel, die Forschungsaktivitäten auf dem Gebiet der Mikrosystemtechnik in einem »Zentrum für Mikrosystemtechnik Berlin (ZEMI)« fachlich und räumlich zu bündeln. Beteiligt waren die Fraunhofer-Institute IPK und IZM, die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), das Ferdinand-Braun-Institut für Höchstfrequenztechnik, die BESSY GmbH und die Technische Universität Berlin. Der Berliner Senat unterstützte das Projekt finanziell mit EFRE-Mitteln. 

© Fraunhofer IPK / Bernd Bresien
Technikum in Berlin-Adlershof in den späten 2000ern
© Fraunhofer IPK / Bernd Bresien
Ohne Mikroskope geht in der Mikrotechnik nichts: der spätere Leiter der Abteilung Mikroproduktionstechnik am Fraunhofer IPK, Dirk Oberschmidt, an einem Bildschirmarbeitsplatz mit einem konfokalen Laserscanning-Mikroskop im ZEMI

ZEMI nahm zum 1. Januar 2001 auf dem Wissenschaftscampus Berlin-Adlershof offiziell die Arbeit auf. Aus Fraunhofer IPK und IWF waren zunächst sechs Mitarbeitende in Adlershof tätig. Gegenstand der Arbeiten war die durchgängige Unterstützung industrieller Partner bei der Entwicklung von Mikroprodukten, der Mikrofertigung sowie dem Test von komplexen Mikrosystemen. Dafür bauten die Institute ein gemeinsames Technikum mit klimatisierten Fertigungszellen auf, in dem die mi­kroproduktionstechnischen Einrichtungen der Partner kooperativ genutzt wurden.

2001: Virtuell wird Realität

© Fraunhofer IPK
Gemeinsames Entwickeln über das Internet, circa 2002

Daten greifbar machen

Im iViP-Projekt hatten die über 50 Partner unter der Leitung des Fraunhofer IPK Grundlagen für neue Softwarearchitekturen für die virtuelle Produktentstehung entwickelt, aber auch Arbeitsabläufe, die den Alltag von Entwicklern und Ingenieurinnen bestimmen würden. Anfang der 2000er sah dieser noch an den wenigsten Stellen die Verwendung des Internets vor. Doch mit zunehmender Globalisierung und der steten Weiterentwicklung der Breitbandtechnik wurde auch der Datenaustausch in verteilten und vernetzten Unternehmen einfacher. Und nicht zuletzt lieferten Fortschritte im PC-Bereich auch die notwendige Rechenleistung für komplexe grafische Anwendungen und Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) in der Produktentstehung.

Kooperative Entwicklung war damit über große Distanzen hinweg möglich – und aufwendige Visualisierungen machten das Entwickeln trotzdem plastischer, intuitiver und realitätsnäher. Das virtuelle Produkt sollte statt als bloßer Datensatz nun als echtes Abbild wahrgenommen werden, an dem direkt gearbeitet werden konnte. Für die Forschenden am Fraunhofer IPK stand dabei die humanzentrierte Forschung, also die Berücksichtigung der Bedarfe der Nutzenden sowie des menschlichen Erlebens und Verarbeitens von Informationen, und die effektive Kollaboration in Teams im Fokus – mit ersten Entwicklungsprojekten zu Telekooperation in den 1990er Jahren bis zu kooperativer VR in 2003.

© Fraunhofer IPK / Konstantin Heß
Im VR-CUBE konnte am virtuellen Modell skizziert und modelliert werden.
© Fraunhofer IPK / Steffen Pospischil
Smart Hybrid Prototyping im VR-CUBE verband virtuelle Welten mit haptischer Interaktion.
© Fraunhofer / Volker Steger
Die »digitale Fabrik«, in der es zu jedem Produkt, Prozess und zu jeder Maschine ein digitales Abbild geben würde, war die Zukunftsvision der Forschenden am Fraunhofer IPK.

Mit VR-CUBE, Holobench und Datenhandschuhen in die Zukunft

Um das menschliche Erleben neuer Technologien in der Produktentwicklung demonstrieren und erforschen zu können, kombinierte das VR-Labor ab September 2001 innovative Hardware. Highlight des Labors war der VR-CUBE, ein fünfseitiges Projektionsdisplay mit einer Seitenlänge von je zweieinhalb Metern. Mit dem Einsatz von lichtstarken Projektoren sowie eines PC-basierten Visualisierungssystems beschritt das Fraunhofer IPK zu der Zeit technologisches Neuland. Statt rein grafischer beziehungsweise geometrischer Simulation ermöglichten Systeme mit haptischem Feedback auch das immersive Erleben physikalischer Eigenschaften am virtuellen Prototyp. Die Smart-Hybrid-Prototyping-Technologie kombinierte dazu außerdem virtuelle und reale Elemente.

Das Virtual Clay Modelling und das Rapid Prototyping waren ebenfalls Teil dieser Entwicklung: Sie sollten Unternehmen dabei unterstützen, Zwischenstände in der Entwicklung komplexer Produkte fundierter zu bewerten. Das wurde wichtig, weil Produkte immer komplexer wurden und gleichzeitig Entwicklungszeiten verkürzt werden sollten. Beim Virtual Clay Modelling, also der virtuellen Tonmodellierung, kamen alle Ansätze zusammen: Das Modell wird simuliert, realitätsnah dargestellt und gleichzeitig haptisches Feedback gegeben, intuitiv und so realitätsnah wie möglich. Die Technologie baute auf dem in den 1990er Jahren entwickelten Voxelmodellierer auf, in dem 3D-Modelle aus diskreten Blöcken statt aus Polygonen zusammengesetzt wurden. Auf der Holobench, die das Modell für den Nutzenden dreidimensional darstellte, konnten diese Blöcke dann per Hand manipuliert werden wie realer Ton.

Mit VR-CUBE, PC-Cluster, Holobench, Force-Feedback-Systemen, VR-Brillen, Datenhandschuhen, Motion Capture und Tracking-Systemen sowie 3D-Surround-Audio stand am Fraunhofer IPK eine hochmoderne Entwicklungsumgebung zur Verfügung, die auch der Industrie nutzen sollte. Zur gleichen Zeit entstand das Demonstrationszentrum Virtuelle Produkt- und Produktionsentstehung (ViPro), in dem Fraunhofer IPK und Fraunhofer-Institute in Stuttgart, Bremen, Chemnitz, Darmstadt und Rostock ihre Kompetenzen vor allem mittelständischen Unternehmen gebündelt zur Verfügung stellen wollten. Ab Oktober 2001 konnten die Unternehmen hier parallel zum laufenden Betrieb neue Technologien erproben und verifizieren. Mit Workshops, Seminaren und Thementagen unterstützten die ViPro-Institute bei der Auswahl von Softwaretools für die virtuelle Produktentwicklung und der Schulung von Mitarbeitenden.

© Fraunhofer / Volker Steger
Virtual Clay Modelling an der Holobench

2003: Radsätze und Risskanten

© Fraunhofer IPK / Bernd Bresien
Mit speziellen Zeilenkameras können bei hoher Geschwindigkeit Produktoberflächen auf Fehler geprüft werden, hier bei der Qualitätskontrolle von Duschwannen.
© Fraunhofer IPK / Angela Salvo-Gonzalez
Um selbst kleinste Blasen oder Kratzer zu finden und ihre Lage zu bestimmen, analysiert hier eines der ersten Ethernet-basierten Multikamerasysteme aus verschiedenen Blickwinkeln dieses Glasrohr.
© Hegenscheidt
Das Prüfsystem für Eisenbahn-Räder wurde ins Gleis integriert und prüfte die Lauffläche automatisch, sobald ein Zug darüberfuhr.
© Hegenscheidt

Von Fehlern im Glas zu Verschleiß auf dem Gleis

Das maschinelle Sehen fand unter der Leitung von Dr. Bertram Nickolay in den 2000er Jahren immer neue Anwendungsbereiche im Bereich der Qualitätssicherung im industriellen Kontext. Automatisierte optische Verfahren arbeiten berührungslos, schnell und erreichen mit geeigneten Kameras sehr hohe Empfindlichkeiten. Anfang der 2000er Jahre setzten Fraunhofer IPK-Mitarbeitende sogenannte Zeilenkameras und eines der ersten Ethernet-basierten Multikamerasysteme in Deutschland beispielsweise für die fertigungsintegrierte Prüfung von Glasrohren ein. In Zusammenarbeit mit einem Hersteller für pharmazeutisches Spezialglas entwickelten sie ein System, das selbst kleinste Blasen und andere materialtypische Fehler in Glasrohren zuverlässig erkennen und ihre Größe und Lage bestimmen konnte. Mehrere Zeilenkameras inspizierten das Glas dabei im Durchlichtverfahren aus verschiedenen Winkeln. Bei Fehlern wurde ein Infrarot-Synchronisationsblitz ausgelöst, sodass das Material genau zur richtigen Zeit abgetrennt werden konnte. Selbst bei Fließprozessen mit Geschwindigkeiten von bis zu fünf Metern pro Sekunde konnten so zuverlässige Qualitätskontrollen durchgeführt werden.

Auch zur Erhöhung der Sicherheit im Schienenverkehr konnten die Systeme des Fraunhofer IPK beitragen. Die bislang manuell durchgeführte Kontrolle der Räder des ICE auf Schäden und Messung der Laufflächenprofile konnte durch die optische Inspektion vollständig automatisiert werden. Fährt ein Zug über die dafür in das Gleis integrierte Messstation, löst das System automatisch aus. Laser projizieren ein Linienmuster auf die Laufflächen der Räder. Kameras erfassen diese Muster und leiten sie an ein Auswertungssystem, das aus den Bilddaten die Profile der Laufflächen sowie den Durchmesser der Räder errechnet. Das vermeidet nicht nur Schienenschäden und Weichenstörungen, sondern auch den verfrühten Austausch der Radsätze – und das, ohne den normalen Fahrbetrieb zu unterbrechen. Für seine Entwicklung erhielt Dara Fatehi-Varkani 2002 einen Joseph-von-Fraunhofer-Sonderpreis. Zu diesem Zeitpunkt war das System weltweit bereits neunmal installiert, neben Deutschland auch in den USA, Russland, der Schweiz und Südkorea, unter anderem bei Amtrak in Washington D. C., der Deutschen Bahn in Berlin, Frankfurt am Main, München und Hamburg sowie der Berliner S-Bahn.

© Fraunhofer / Volker Steger
Dara Fatehi-Varkani, Preisträger des Joseph-von-Fraunhofer-Sonderpreises 2002

Das größte Puzzle der Welt

Jenseits des Produktionskontexts bekannt wurde das Fraunhofer IPK ab den 2000er Jahren dafür, dass die Mustererkennungsexperten ihre Kompetenzen in einen neuen Einsatzbereich übertrugen: in die Rekonstruktion zerstörter Dokumente. Im Auftrag der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU) wurde der ePuzzler entwickelt, eine Software, die helfen sollte, die Massen zerrissener Akten des DDR-Staatssicherheitsdienstes wieder lesbar zu machen. Der ePuzzler analysierte die mit Hochleistungsscannern digitalisierten Fragmente, extrahierte Merkmale wie Farbe, Rissmuster und Schriftbild, um sie vorzusortieren und setzte die Einzelteile in den so entstandenen Untermengen anschließend virtuell zusammen. Die Software wurde 2013 mit dem EARTO-Innovationspreis ausgezeichnet.

© Fraunhofer IPK / Gerold Baumhauer
Eine gigantische Puzzleaufgabe ist die Rekonstruktion der zerrissenen Unterlagen der DDR-Staatssicherheit. Dr. Bertram Nickolay und seinem Team gelang es in den 2000ern, ein System zu entwickeln, das auch in viele Teile zerrissene Seiten und über mehrere Säcke verteilte Fragmente automatisiert virtuell ­rekonstruieren konnte.
© Fraunhofer IPK / Gerold Baumhauer
Der ePuzzler konnte Papierfragmente vorsortieren und aus den so entstandenen Untermengen automatisiert Dokumente zusammensetzen.
© Fraunhofer IPK / Katharina Strohmeier
Ein eigens entwickelter Spezialscanner mit hochpräziser Bildaufnahme machte es möglich, das Rekonstruktionssystem auch für andere historische Dokumente einzusetzen.

Intensiv eingesetzt wurde die Technologie auch in zahlreichen anderen Projekten mit Museen, archäologischen Einrichtungen und Kunstrestauratoren. Fragmente von jahrhunderte- und jahrtausendealten Dokumenten, Malereien und Skulpturen, die zerrissen, zerbrochen oder anderweitig beschädigt wurden, konnten mittels virtueller Rekonstruktion digitalisiert und automatisiert zusammengesetzt werden. 2011 wurde außerdem begonnen, die Methodik auch auf dreidimensionale Objekte unterschiedlicher Materialien zu übertragen, zum Beispiel auf babylonische Keilschrift­tafeln und Skulpturen. Die im Rahmen der Rekonstruktionsforschung entstandenen Technologien bildeten die Basis für neue Methoden, die heute von dem Partnerunternehmen MusterFabrik Berlin GmbH zur Rettung von fragilem und beschädigtem Kulturgut eingesetzt werden. Davon profitierten unter anderem die Archivalien des 2009 eingestürzten Kölner Stadtarchivs. Gemeinsam mit dem Fraunhofer IPK begann die MusterFabrik Berlin 2012 mit der Entwicklung der Scantechnik und eines digitalen Assistenzsystems für die Rekonstruktion der Archivbestände. Bis heute wurden über 500 000 der geschätzten drei Millionen Fragmente digitalisiert und daraus über 4500 Rekonstruktionen zusammengesetzt.

An der Schnittstelle zwischen der Rettung von Kulturgut und der seit Jahren etablierten Zusammenarbeit der Abteilung mit Fahndungsbehörden bewegten sich Forschungsarbeiten zur Erkennung von Kunstobjekten in digitalen Auktionskatalogen mithilfe von Computer-Vision-Verfahren. Sie sollten nicht nur dabei unterstützen, Aufenthaltsorte von Objekten zu bestimmen, sondern auch unrechtmäßig erworbene und weitergegebene Objekte zu identifizieren – Stichwort Beutekunst. Die Kompetenzen in diesem Bereich wurden zudem in einem sensiblen Bereich angewendet: bei der Fahndung nach Kinderpornografie im Internet.

© Fraunhofer IPK
An der Schnittstelle der Forschungsarbeiten im Kultur- und Kriminalbereich bewegen sich Systeme zur Wiedererkennung von Gemälden und Skulpturen. (l.: Public Domain, The Metropolitan Museum of Art; r.: German Sales, Universitätsbibliothek Heidelberg)

2003: Gemeinsam stark

© Fraunhofer IPK
Mit CO₂-Schnee- oder Trockeneisstrahlen lassen sich nicht nur Verunreinigungen entfernen, sondern zum Beispiel auch zur Vorbereitung einer Neulackierung alte Lackschichten entfernen.
© Fraunhofer IPK / Gerold Baumhauer
Vom Rapid Prototyping zum Rapid Tooling: Selective Laser Melting war das erste additive Fertigungsverfahren für metallische Werkstoffe am Fraunhofer IPK, das Produkte »aus Pulver und Licht« entstehen lässt.
© Fraunhofer IPK / Steffen Pospischil

Fraunhofer-Allianzen bündeln Kompetenzen

Die Fraunhofer-Gesellschaft ist eine sehr große Forschungsorganisation. Schon bei ihrem 45-jährigen Jubiläum im Jahr 1994 hatte sie 47 Institute – heute sind über 30 000 Mitarbeitende in 74 Instituten und Forschungseinrichtungen bei Fraunhofer tätig. Für Außenstehende wirkt die Organisation oft unüberschaubar. Grund genug, dass Fraunhofer immer wieder Wege sucht, ihre Themengebiete für Kunden und Partner zugänglicher zu machen.

Mit der Einführung des »Leitbilds 2000« im Jahr 1993 definierte die Fraunhofer-Gesellschaft nach dem Ende des Kalten Krieges und unter dem Eindruck der zunehmenden Globalisierung ihre Ausrichtung für das kommende Millennium. Darin wurde unter anderem eine Stärkung der institutsübergreifenden Zusammenarbeit als Ziel definiert. Ein Ergebnis waren die Fraunhofer-Allianzen. Sie bündeln Kompetenzen unterschiedlicher Institute, um ein Themenfeld gemeinsam zu bearbeiten und zu vermarkten. In diesen Konstrukten kann es durchaus vorkommen, dass ein Institut mit chemischem Fokus mit einem Maschinenbauinstitut kooperiert. Obwohl das Fraunhofer IPK schon Mitte der 1990er erstmals einer Allianz beitrat – der Allianz Rapid Prototyping – entwickelte das Konzept erst ab den frühen 2000ern Schlagkraft. In dieser Zeit starteten gleich vier Allianzen, in denen das Fraunhofer IPK von Beginn an dabei war.

Saubere Forschung: Fraunhofer-Allianz Reinigungstechnik

Im Dezember 2002 nahm die Fraunhofer-Allianz Reinigungstechnik die Arbeit auf. Sie sollte Kundenanfragen in den Geschäftsfeldern Bauwerksreinigung, Reinigen in hygienerelevanten Bereichen, Reinigen in der Mikro­systemtechnik, Oberflächenreinigung vor der Beschichtung sowie Bauteilreinigung koordinieren. Acht Institute waren zum Start dabei, die Geschäftsstelle befand sich in den ersten Jahren am Fraunhofer IPK. Dafür war das Institut gut aufgestellt: Neuartige, ökoeffiziente Reinigungsverfahren für die industrielle Anwendung wie CO2-Schnee- oder Trockeneisstrahlen gehörten schon damals zu seinem Portfolio. Neben Forschungsprojekten fand die Allianz weitere Formate zum Wissenstransfer: In mehreren Markt- und Trendanalysen erhob sie den Entwicklungsstand der industriellen Teilereinigung, zuletzt 2020. Das Grundlagenseminar Reinigungstechnik ist ein seit Jahren etabliertes und in der Industrie sehr geschätztes jährlich stattfindendes Präsenzseminar. Es bündelt das Fachwissen der Mitgliedsinstitute und vermittelt den Teilnehmenden auf kompakte Art einen wissenschaftlich fundierten Einblick in die Möglichkeiten und Potenziale der industriellen Reinigung. Die Allianz firmiert mittlerweile als Fraunhofer-Geschäftsbereich Reinigung.

Kompetenz in Additiver Fertigung: Fraunhofer-Allianz Generativ

Was heute Additive Fertigung heißt, wurde Anfang der 2000er Jahre noch mit einer Reihe halbsynonymer Bezeichnungen betitelt, darunter »generative Fertigung«. Entsprechend benannte sich die Allianz, die 2003 aus der Allianz Rapid Prototyping hervorging. Dass das Fraunhofer IPK von Anfang an Mitglied war, ist naheliegend: Vor allem aus der Perspektive der Produktentwicklung, etwa zur schnellen Herstellung von Prototypen, waren additive Verfahren schon ab etwa 1990 ein Thema im Institut. Dazu besaß der Bereich Konstruktions­technik unter Professor Frank-Lothar Krause ab Mitte der 1990er Jahre eine DTM Sinterstation 2500 für das Lasersintern mit Nylon. Später kamen Aktivitäten zum Rapid Tooling mit keramischen Werkstoffen hinzu, ab den 2010er Jahren die Additive Fertigung mit metallischen Werkstoffen – heute eine Kernkompetenz des Instituts.

Werkzeuge aus Keramik: Fraunhofer-Allianz AdvanCer

Eine weitere Allianz-Gründung des Jahres 2003 war AdvanCer – ein Zusammenschluss von sieben Instituten, der sich mit Hochleistungskeramik befasste. Das Angebot der Allianz reichte von der Werkstoffforschung über Produktionsverfahren zur Herstellung von keramischen Bauteilen und Bearbeitung mit keramischen Werkzeugen bis zu Fragen der Betriebsfestigkeit und zerstörungsfreien Prüfverfahren. Bauteile aus Hochleistungskeramik werden wegen ihres geringen Gewichts und ihrer hohen Verschleißfestigkeit und damit Lebensdauer zum Beispiel in Fahrzeugen, Flugzeugen, der Fördertechnik, Aufzügen oder Windkraftanlagen eingesetzt.

© Fraunhofer IPK
In die Allianz AdvanCer brachte das Fraunhofer IPK Kompetenzen in der Bearbeitung von Bauteilen aus Hochleistungskeramik ein, etwa durch Planschleifen mit Planetenkinematik.
© Fraunhofer IPK
Mit der Yellowbox stellte das Fraunhofer IPK 2011 eine mobile Schadstoffmessbox vor. Sie ersetzte stationäre Messstationen zur Bewertung der Luftqualität durch eine mobile Lösung, die einen Galileo-Ortungsdienst nutzt.
© Fraunhofer IPK / Anja Gollor
Die Daten, die Partikelmessgerät und Halbleitersensoren aus dem Innern der Yellowbox lieferten, wurden auf mobile Endgeräte übertragen.
© Fraunhofer IPK
Am Beispiel einer Flugzeug-Innenwand wird demonstriert, wie sich selbst komplexe und großformatige Produkte digital abbilden lassen.

Überflieger auf der Überholspur: Fraunhofer-Allianzen Verkehr, autoMOBILproduktion und Aviation & Space

Auch die Fraunhofer-Allianz Verkehr startete 2003. Hier widmeten sich 16 Institute den Themen Mobilität, Fahrzeugsysteme, Navigation und Logistik. Ein Meilenstein war die Eröffnung von deutschlandweit fünf Galileo-Labs im Rahmen einer Fraunhofer-Initiative zur Entwicklung von Lokalisierungsanwendungen auf Basis des europäischen Galileo-Satellitensystems. Eines dieser Labore befand sich am Fraunhofer IPK, und einer seiner Schwerpunkte war die Messung von Schadstoffen in der Luft.

Seit der Auflösung seiner Verkehrstechnik-Abteilung ist das Fraunhofer IPK kein Mitglied der Allianz Verkehr mehr. Dafür war es 2010 Gründungsmitglied der Allianz autoMOBILproduktion. Ziel der Allianz bei ihrem Start war, die deutsche Automobilwirtschaft im internationalen Wettbewerb sowie in der Umsetzung der Verkehrswende zu unterstützen. Das Fraunhofer IPK steuerte Kompetenzen in den Themen Karosserie, Powertrain und Fahrzeugmontage bei.

Seit 2022 bringt das Institut sich zudem in Fraunhofer AVIATION & SPACE ein, hier in erster Linie mit seinen Digital-Engineering-Kompetenzen wie der Gestaltung von Datenökosystemen und Digitalen Zwillingen – ein Alleinstellungsmerkmal innerhalb der Allianz-Institute. Damit schließt sich ein Kreis: Wie schon bei den Rapid-Prototyping-Aktivitäten im Rahmen der ersten Allianzmitgliedschaft stammt auch der jüngste Beitrag des Fraunhofer IPK zu dieser Art von Fraunhofer-Netzwerk aus dem Bereich Produktentstehung.

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Heute ist das Fraunhofer IPK zudem Mitglied in der Fraunhofer-Allianz Bau …
© Fraunhofer IPK/ Larissa Klassen
… und bringt seine langjährigen Erfahrungen in den Bereichen Mustererkennung und maschinelles Sehen, zum Beispiel für die Wiedererkennung von Bauteilen, in den Fraunhofer-Geschäftsbereich Vision ein.

2008: Cool, cooler, Cobot

© Fraunhofer IPK
In den 1980er Jahren undenkbar: Mensch und Montageroboter in enger Zusammenarbeit. Lediglich das Überprüfen von Montageergebnissen bei abgeschaltetem Roboter war möglich.
© Fraunhofer IPK
Einer der ersten echten Cobots am Institut war ein passiver Manipulator zum Heben schwerer Lasten.

Roboter lernen Rücksicht

Seit Gründung des Fraunhofer IPK denken seine Forschenden die Automatisierung mit Robotern nicht als Ersatz, sondern als immer besser werdende Unterstützung menschlicher Fähigkeiten. Die Stärken von Mensch und Maschine liegen in sehr unterschiedlichen Bereichen: Industrieroboter sind präzise, schnell und leistungsfähig, Menschen dagegen geschickt und intelligent. Schon früh entstand daher der Wunsch, menschliche Werker mit Robotern zusammenarbeiten zu lassen, damit sich diese Fertigkeiten ergänzen.

Das war jedoch in den Anfängen nicht trivial: Industrieroboter, besonders solche mit großen Traglasten, sind für Menschen nicht ungefährlich. Um das Risiko für Arbeitende zu minimieren, arbeiten Industrieroboter ausschließlich in abgetrennten Zellen, führen also unabhängige Arbeitsvorgänge aus. Eine direkte Zusammenarbeit autonom arbeitender Roboter und Menschen im gleichen Arbeitsraum war lange Zeit undenkbar.

Mit Cobots, also kooperativen oder kollaborativen Robotern, entstanden in den 2000er Jahren erste Ansätze, diese Trennung zu überwinden. Frühe Beispiele waren passive Systeme zum Tragen schwerer Lasten. Der Mensch behielt die volle Bewegungskontrolle über den Prozess, der Cobot leistete lediglich Kraftunterstützung.

Nimm wahr und gib nach

Solche passiven Lösungen, bei denen der Roboter sich nicht selbstständig bewegt, verzichteten jedoch auf wesentliche Eigenschaften, die Roboter in der Fertigung interessant machen, wie Geschwindigkeit und Präzision. Der nächste Entwicklungsschritt sollte also auch die Zusammenarbeit mit Robotern ermöglichen, die eigenständige Bewegungen ausführten.

Die Sicherheit in der Interaktion blieb dabei oberstes Gebot – Fähigkeiten und Freiheiten der Roboter mussten re­dundant abgesichert werden. Bereits seit Ende der 1990er wurden deshalb unter der Leitung von Gerhard Schreck Kraft- und Nachgiebigkeitsregelungen entwickelt, etwa mit nachgiebigen »virtuellen Wänden«. Dabei wurde auch der kontrollierte Krafteinsatz bei Robotern Thema, zum Beispiel für »gefühlvolles« Greifen.

Eine weitere Absicherungsmöglichkeit war die Arbeitsplatzüberwachung mit Kameras. in von Oliver Schulz vom Fraunhofer IPK und Stefan Thiemermann vom Fraunhofer IPA und ihren Teams entwickeltes Überwachungssystem identifizierte die Position von Händen und Kopf von Menschen und brachte Roboter dazu, die Geschwindigkeit ihrer Bewegungen daran anzupassen. Für »team@work« erhielten die beiden 2003 den mit 10 000 Euro dotierten Innovationspreis »HighTech im Arbeitsschutz« der Berufsgenossenschaften.

© Fraunhofer IPA
Anfang der 2000er wurden erste Versuche unternommen, mit Überwachung durch Kamerasysteme und Bildauswertung gemeinsame Arbeitsplätze für Mensch und Roboter zu ermöglichen.
© Fraunhofer IPK / Konstantin Heß
Ein hybrider Cobot wie hier zur Scheibenmontage nimmt dem Menschen viel Gewicht ab – überlässt ihm aber die Kontrolle über den Prozess.
© Fraunhofer IPK / Katharina Strohmeier
Cobot maximal: Auf der Hannover Messe 2013 zeigte Gerhard Schrecks Team mit der eepos GmbH einen passiven Manipulator, mit dem ein ganzes Auto bewegt werden konnte.
© Fraunhofer IPK / Steffen Pospischil
Robotern kontrollierten Krafteinsatz beizubringen, ist nicht einfach. Eine Katzenfutterpackung öffnen, ohne sie zu zerstören, war Ende der 2000er Jahre eine herausfordernde Forschungsaufgabe, die mit Cobots angegangen wurde.
© Fraunhofer IPK / Katharina Strohmeier mit freundlicher Genehmigung von pi4_robotics
Kollege Cobot: Der humanoide pi4_workerbot lernt schnell und kann dadurch in kurzer Zeit neue Montageaufgaben ausführen.

Für die noch engere Zusammenarbeit zwischen Mensch und Roboter sollten letztere auch in ihrem Aufbau menschlicher werden. Im Projekt »PISA« entwickelte ein Team um Dr. Dragoljub Surdilovic mit dem Unternehmen pi4_robotics einen zweiarmigen Roboter, den pi4_workerbot, der bei Produktionsengpässen einspringen und schnell für neue Montageaufgaben programmiert werden konnte. Die hohen Anforderungen an Flexibilität und Inbetriebnahmezeiten erfüllte der Workerbot mit einer eigens entwickelten Programmiersprache für seine Dual-Arm-Steuerung, mit der menschliche Bewegungen nachgeahmt werden konnten. Sensoren an den Greifern sollten außerdem Kontakte mit der Umgebung detektieren und Hindernisse berücksichtigen.

© Fraunhofer IPK
»String Man« war das erste Gangrehabilitationssystem aus dem Fraunhofer IPK.
© Fraunhofer IPK / Norbert Michalke
Mit dem »HapticWalker« konnten Menschen nach einem Schlaganfall die verschiedensten Gangmuster trainieren.

Patentiert humanzentriert

Als Sonderform der kooperativen Robotik ergaben sich Anfang der 2000er in der Arbeitsgruppe von Henning Schmidt zahlreiche Aktivitäten im Bereich Reha- und Ergonomierobotik. Wenn Patienten und Patientinnen zum Beispiel nach einer Schädigung des zentralen Nervensystems wieder gehen lernen, muss viel geübt und wiederholt werden. Das ist eine große körperliche Belastung, auch für Therapeuten und Pflegekräfte. Geräte für die Gangrehabilitation nutzen deshalb oft Aufhängungen, die Patienten über einem Laufband positionieren. Diese Systeme können jedoch nur einen Teil des alltäglichen Bewegungsprogramms abbilden. Mit Expertise einer Rehaklinik und der Freien Universität Berlin entstand daher »String Man«, ein robotergestütztes Aufhängungssystem mit Seilkinematik, mit dem Betroffene auch das Aufstehen, Hocken und verschiedene Bewegungen des Oberkörpers trainieren konnten.

Einen anderen Ansatz verfolgte der in Zusammenarbeit mit der Charité entstandene »HapticWalker«. Er sollte ebenfalls Menschen mit neurologischen Erkrankungen oder nach einem Schlaganfall helfen, Gangmuster für verschiedene Situationen neu zu lernen und zu üben. Doch statt des flachen Laufbands des String-Man-­Systems simulierte der HapticWalker mit Endeffektoren eine Vielzahl von realen Bewegungsmustern, wie Stolpern, Ausrutschen, Treppensteigen auf verschiedenen Arten von Treppen oder sogar Skifahren. So konnten Betroffene in sicherer Umgebung üben und sich entsprechend ihrer Bedürfnisse und ihres individuellen Heilungsprozesses steigern. Insgesamt vier Patente entstanden im Zusammenhang mit diesen Forschungsarbeiten.

Körpergetragene Robotik und Exoskelette

Die steigende Arbeitsbelastung für Ärztinnen, Physiotherapeuten und Pflegekräfte führte auch dazu, dass die mithilfe des Internets zugängliche Telemedizin einen immer größeren Stellenwert bekam. Mit dem um 2010 entwickelten System »TeleStrokeRehab« konnten Patientinnen ihre in Krankenhaus oder Rehaklinik begonnene Therapie zuhause fortsetzen und dabei nicht nur über Videokonferenzen betreut werden, sondern mittels Force Feedback auch haptisch mit einer Physiotherapeutin oder einem Arzt interagieren. Das System konnte auch zum eigenständigen Üben verwendet werden, denn die Telemedizin-Verbindung war optional.

Mit Neuheiten im Bereich der körpergetragenen Robotik konnten die Forschenden schließlich ihren Blick statt nur auf Rehabilitation auch auf die Prävention von gesundheitlichen Schäden richten. Der »CareJack« sollte etwa mit Federmechanismen Bewegungsenergie zwischenspeichern und genau dann wieder freisetzen, wenn sie bei schweren körperlichen Aufgaben benötigt wird. Der Exosuit »ErgoJack« trug mit Sensorik, KI und einem Vibrationsmodul zum Erlernen ergonomischer Bewegungsabläufe bei. Und mit Druckluft-Systemen wie »PowerGrasp« wurden aus den noch sehr steifen Westen intelligente Exoskelette, die sowohl Ergonomie- als auch Kraftunterstützung leisten können.

© Fraunhofer IPK / Konstantin Heß
»TeleStrokeRehab« war ein System, mit dem Schlaganfallpatienten bei Rehabilitationsmaßnahmen aus der Ferne betreut und angeleitet werden konnten.
© Armin Okulla
ErgoJack ist ein smartes Ergonomiesystem, das Zwangshaltungen erkennt und eine Warnung ausgibt.
© Fraunhofer IPK / Larissa Klassen
Intelligentes Exoskelett mit Druckluftsystem: Mit PowerGrasp können körperliche Belastungen wie beim Überkopf-Montieren reduziert werden.

2008: Innovationscluster »Sichere Identität« und »MRO in Energie und Verkehr«

Bündelung von Entwicklungskräften

Der »Pakt für Forschung und Innovation« von Bund und Ländern aus dem Jahr 2005 brachte Fraunhofer eine neue Form der strategischen Forschungskooperation: die Innovationscluster. Sie sollten die Zusammenarbeit mit Universitäten und Hochschulen, anderen außeruniversitären Forschungseinrichtungen, Unternehmen und regionalen Akteuren aus Politik und Verwaltung in einer Region systematisch bündeln. Ziel war es, vorhandene wissenschaftliche und industrielle Stärken zu regionalen Innovationsökosystemen auszubauen.

Das Fraunhofer IPK gründete zwei Innovationscluster: Das Cluster »Sichere Identität Berlin-Brandenburg« machte 2008 den Anfang. 2009 folgte »Maintenance, Repair and Overhaul in Energie und Verkehr (MRO)«.

Im Projekt »VisionID« wurden Dokumentenprüfmethoden für fälschungssichere Pässe entwickelt.

Ich bin ich – nachweislich: Sichere Identität

Die Verifikation der Identität von Personen und Objekten ist schon seit den 1990er Jahren ein Forschungsgegenstand im Fraunhofer IPK. Die Abteilung Mustererkennung unter Dr. Bertram Nickolay hatte ihre Kompetenzen in maschinellem Sehen mehr und mehr in gesamtgesellschaftliche Themengebiete eingebracht, etwa in die Fälschungssicherung, Unterschriftenprüfung und Fingerabdruckidentifikation. Bis 2009 arbeitete das Team mit der Bundesdruckerei GmbH im Projekt »­VisionID« an der visuellen Identifikation von ID- und Sicherheitsdokumenten. Zur Fortsetzung der Aktivitäten eröffneten die Partner im April 2009 ein gemeinsames Labor.

Der gemeinsame Entwicklungshintergrund bildete die perfekte Voraussetzung für die Gründung des ersten Fraunhofer-Innovationsclusters in Berlin. Fünf Fraunhofer-Institute, fünf Hochschulen, zwölf Unternehmen sowie die Länder Berlin und Brandenburg beteiligten sich gemeinsam an der Entwicklung von Technologien, Verfahren und Produkten für den eindeutigen Nachweis der Identität von Personen, Objekten und geistigem Eigentum. Die Anwendungen reichten von der nächsten Generation fälschungssicherer Personaldokumente über die Sicherung elektronischer Geschäftsprozesse bis hin zum Produkt- und Markenschutz und der Sicherheit in der Kommunikation zwischen Maschinen und Fahrzeugen.

© Bundesdruckerei GmbH
Eröffnung des Secure Verification Labs im April 2009: Institutsleiter Prof. Eckart Uhlmann mit dem Geschäftsführer der Bundesdruckerei, Ulrich Hamann
© Bundesdruckerei GmbH
Bei der Eröffnung des Innovationsclusters »Sichere Identität« war das Team, das die Einlasskarten kontrollierte, ein besonderer Hingucker.
© Bundesdruckerei GmbH
© Siemens AG
Siemens-Projekt »Inline«: Schon 2004 hatte das Fraunhofer IPK das Berliner Traditionsunternehmen bei der Standortsicherung in der Gasturbinenfertigung unterstützt und dabei wertvolle Erfahrungen mit Turbomaschinen gesammelt.
© Siemens AG
Projekttreffen bei Siemens Power Generation, Berlin, mit Standortleiter Andreas ­Fischer-Ludwig (m.)
© Fraunhofer IPK
Auftaktveranstaltung zum Fraunhofer-Innovationscluster MRO im Deutschen Technikmuseum Berlin.

Aus alt mach neu, mach noch besser: MRO

Turbomaschinen und Schienenfahrzeuge aus den Bereichen Energie und Verkehr gehören zu jenen Investitionsgütern mit hoher Anfangsinvestition und langer Lebensdauer, bei denen sich nicht nur regelmäßige Wartung und Instandhaltung, sondern auch kontinuierliche Upgrades langfristig rechnen. Auf dieser Idee setzte das Innovationscluster »Maintenance, Repair and Overhaul in Energie und Verkehr (MRO)« auf: Ein geeignetes Condition Monitoring, kombiniert mit vollständiger Überholung zum richtigen Zeitpunkt, versetzt eine Anlage nicht nur in den Ausgangszustand, sondern kann sie sogar besser machen.

Im Bereich der Instandhaltung konnte das Fraunhofer IPK auf einer hervorragend passenden Entwicklungshistorie aufsetzen. Im Bereich der Teleservices und des Condition Monitorings besaß das Institut Kompetenzen, die weit bis in die 1990er Jahre zurückreichten. Und um die entsprechenden Lösungen direkt in die industrielle Anwendung zu bringen, fanden sich auch die richtigen Partner: Die Siemens AG hatte das Fraunhofer IPK 2004 beauftragt, ihr Gasturbinenwerk in Berlin-Moabit fabrikplanerisch und technologisch fit für die Zukunft zu machen. Auch die Berliner Verkehrsbetriebe, MTU Maintenance und Rolls-Royce waren an Bord, dazu zehn weitere Unternehmen sowie eine Reihe wissenschaftlicher Partner.

Über zwei Jahre arbeitete das Cluster an ressourcenschonenden und energieeffizienten Technologien zur Optimierung von MRO-Prozessen in den vier Innova­tionsfeldern Zustandserfassung und -diagnose, MRO-Planung und digitale Unterstützung, Reparaturtechnologien sowie Reinigung. Das Innovationscluster MRO wurde ab Dezember 2012 durch das Fraunhofer-Innovationscluster »Life Cycle Engineering für Turbomaschinen« fortgesetzt.

Die Kooperation wirkte lange nach: Im Jahr 2018 wurde ein gemeinsames Projekt von Rolls-Royce, SCHÖLLY ­FIBEROPTIC und dem Fraunhofer IPK mit dem Innova­tionspreis der Deutschen Luftfahrt ausgezeichnet. Gegenstand des Projekts war die endoskopische Reinigung von Turbinenschaufeln.

2009: Die perfekte Verbindung

© Bundesanstalt für Material- forschung und -prüfung (BAM)
Fügetechnik: seit 2009 ein eigener Bereich am Fraunhofer IPK
© Fraunhofer IPK
Laserzelle von Trumpf im Versuchsfeld des PTZ

Füge- und Beschichtungstechnik kommt ans Fraunhofer IPK

Fast jedes Produkt besteht aus mehreren Teilen, daher zählen Fügen und Beschichten zu den wichtigsten Schritten im Produktionsprozess. Mitte der 2000er Jahre stellte zudem die zunehmende Verwendung komplexer Werkstoffe und heterogener Materialkombinationen, wie Stahl-Aluminium-Mischverbindungen und neue hochfeste Stähle, die Festigkeit von Verbindungen und Beschichtungen auf eine harte Probe. Neue Methoden und Technologien waren gefragt, um die Materialien wirtschaftlich zu verarbeiten und zugleich die Sicher­heit der Produkte zu garantieren.

Als das Fraunhofer IPK 2009 erstmals einen Bereich Füge- und Beschichtungstechnik bekam, erfolgte die Gründung daher in enger Kooperation mit der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM). Die BAM widmet sich grundlegenden Fragen zu Sicherheit in Technik und Chemie, Fraunhofer dagegen fokussiert auf Fragen zur Wirtschaftlichkeit und Produktivität von Verfahren. Die Kooperation ermöglichte den Partnern, Synergieeffekte zu nutzen und Kunden beider Institutionen ganzheitlich zu unterstützen.

Im Fokus des Teams von Professor Michael Rethmeier standen zunächst Verfahren für schwer zu bearbeitenden Materialien. Die neuen Metalle brachten selbst bei etablierten Prozessen wie dem Widerstandspunktschweißen Forschungsbedarfe mit sich. Neben dem Schweißen dünner Bleche nahm der Bereich auch Anwendungsgebiete mit großen Blechdicken in den Fokus. Durch neue Entwicklungen beim Lichtbogenschweißen konnten auch große Wandstärken, wie sie beim Schiffsbau oder bei Rohren vorkommen, wirtschaftlich geschweißt werden.

Maschinenpark aus der industriellen Praxis

Forschungsarbeiten zu solchen Themen sind nur möglich mit einer geeigneten Maschinenausstattung. Der Maschinenpark war daher schon immer der Stolz des Bereichs. Im Jahr 2011 wurde eine Anlage zum Laser-Pulver-Auftragschweißen in Betrieb genommen, die das Leistungsportfolio des Forschungsteams beträchtlich erweiterte: Schutzbeschichtungen, zum Beispiel auf Bremsscheiben, oder das Auffüllen von Verschleißstellen wurden damit möglich. Seit 2025 besitzt die Fügetechnik sogar eine Anlage mit integriertem Scanner, die solche Reparaturarbeiten erheblich vereinfacht: Mit dem Scanner wird ein Bauteil direkt in der Anlage digitalisiert. Aus dem Scan werden ohne Umwege die zu reparierenden Flächen, inklusive der für die Reparatur erforderlichen CAM-Pfade abgeleitet, sodass die Reparatur unmittelbar ausgeführt werden kann. Beschädigte Komponenten können somit entlang einer digitalen Prozesskette innerhalb einer einzigen Anlage instandgesetzt werden.

Auch für das Schweißen sehr großer Nähte ist der Bereich gut ausgestattet: Seit 2014 besitzt er eine vollmaßstäbliche industrielle Anlage zum Längsnahtschweißen von Großrohren. Was daran geforscht wird, ist im wahrsten Sinne des Wortes Heavy Metal: Für bis zu sechs Meter lange Rohre mit Durchmessern von 90 Zentimetern und mehr werden Verfahren zur Steigerung der Produktivität und zur Einsparung von Zusatzwerkstoff optimiert.

© Fraunhofer IPK / Larissa Klassen
© Fraunhofer IPK / Larissa Klassen
Scannen, Schadstelle identifizieren, reparieren: An der neuen Laserzelle geht das in einem Rutsch.
© Fraunhofer IPK
Laser-Pulver-Auftragschweißen zur Beschichtung von Bremsscheiben

Rechenleistung macht Simulation anwendungsfähig

Ein weiteres Forschungsfeld ist bis heute die Schweiß­simulation. Zur Zeit der Bereichsgründung machte die Rechenleistung so große Fortschritte, dass Basislösungen zur Simulation in anwendungsfähige Werkzeuge weiterentwickelt werden konnten. Berechnungen von Verzug und Eigenspannungen konnten jetzt auf einem Niveau durchgeführt werden, das sich für die Unterstützung der schnellen und wirtschaftlichen Anwendung neuer Schweißverfahren in der Industrie eignete. In Kooperation mit dem Fahrzeughersteller Audi optimierten die Forschenden beispielsweise das Schweißen von Autotüren. Diese enthalten über 50 Schweißnähte – die Reihenfolge, in der sie gesetzt werden, entscheidet maßgeblich über die Maßhaltigkeit der Tür. Durch Simulation gelang es in dem Kooperationsprojekt, den experimentellen Aufwand in der Entwicklung zu verringern und gleichzeitig den Verzug beim Schweißen zu minimieren.

Die Schweißsimulation wurde danach kontinuierlich weiterentwickelt. Heute kann das Team den Verzug in additiv gefertigten Bauteilen mit mehreren hundert übereinander liegenden Schweißraupen simulieren und dank moderner Rechentechnik industrielle Fragestellungen zur Rissbildung und zum Schweißverzug ganzer Baugruppen bearbeiten.

© SMS group GmbH
An der Mehrdraht-Unterpulverschweißanlage können große und dickwandige Rohre geschweißt werden.
© Fraunhofer IPK / Larissa Klassen
Vorbereitung einer Dickblechprobe zum Laserhybridschweißen
© Fraunhofer IPK
© Fraunhofer IPK
Simulationstechniken ­helfen, die Qualität von Schweißverbindungen zu optimieren und Ressourcen signifikant einzusparen.

2009: Veranstaltungsprogramm »Mehr Können«

Wissen teilen, Netzwerke knüpfen, Zukunft gestalten

Die weltweite Finanzkrise 2008 traf die exportorientierte deutsche Wirtschaft hart. Viele Unternehmen, vor allem Automobilhersteller und -zulieferer sowie Maschinen- und Anlagenbauer fuhren Investitionen zurück und schickten ihre Mitarbeitenden in Kurzarbeit – ergänzt um das Angebot staatlich geförderter Weiterbildungen. »Qualifizieren statt Entlassen« hieß das Motto der arbeitsmarktpolitischen Strategie der Bundesregierung, um Arbeitsplätze zu sichern, Fachwissen zu erhalten und den Strukturwandel der Unternehmen zu unterstützen.

Das Fraunhofer IPK entwickelte dafür 2009 einen ersten Kurskatalog mit sieben Schulungsangeboten für Menschen in Kurzarbeit. Die Idee dahinter: Forscherinnen und Forscher bringen Fach- und Führungskräfte auf den neuesten Wissensstand ihrer jeweiligen Disziplin und vermitteln Kompetenzen, die nicht nur die Entwicklungschancen einzelner Arbeitnehmender verbessern, sondern ihren Unternehmen auch entscheidende Wettbewerbsvorteile für die Zeit nach der Krise sichern. Mit dem Jahresbeginn 2010 ging das praxisorientierte Weiterbildungsprogramm unter dem Label »Mehr Können« an den Start.

© Fraunhofer IPK
Seit 2010 bietet das IPK unter dem Label »Mehr Können« ein praxisorientiertes Veranstaltungsprogramm.
© Fraunhofer IPK

Wissenschaft auf den Hallenboden

Schon 2011 weitete das Institut sein Angebot deutlich aus: Aus dem reinen Weiterbildungsangebot wurde ein diversifiziertes Veranstaltungsprogramm. Berufsbegleitende Studiengänge, Seminare, Inhouse-Trainings, Tagungen und Konferenzen, Technologietage, Industrieworkshops und Industriearbeitskreise bildeten nun das Portfolio – teilweise in Kooperation mit dem IWF sowie der Fraunhofer-Academy als Partner im Weiterbildungsbereich. In den folgenden Jahren etablieren sich unter anderem Industrieworkshops wie »Praxis der Mikrofertigung« und »Praxis der Additiven Fertigung«, die »Berliner Runde« als führendes Netzwerk-Forum für Hersteller, Zulieferer und Anwender von Werkzeugmaschinen sowie ein Wissensbilanz-Intensivseminar, das das Thema Wissensmanagement mit Moderationskompetenzen in einem ganzheitlichen Ansatz kombiniert.

Das Erfolgsrezept der Formate: eine ausgewogene Mischung aus wissenschaftlichem State of the Art und industriellem Anwendungsbezug. Die Veranstaltungen leben von Projektbeispielen und praktischen Übungen. Das Versuchsfeld des PTZ sowie die zahlreichen Forschungslabore im Haus bieten den Teilnehmenden die Möglichkeit, Verfahren und Geräte selbst auszuprobieren. Theoretische Erkenntnisse werden mit Erfahrungsberichten aus der Entwicklungstätigkeit veranschaulicht – und liefern so Anregungen, wie sich Technologien im eigenen Unternehmen einsetzen lassen.

Zertifikate für komplexe Kompetenzen

2013 kam mit »PLM Professional« ein neues Zertifikatsprogramm hinzu. Product Lifecycle Management (PLM), der effiziente Umgang mit Produktdaten und Entwicklungswissen entlang des gesamten Produktlebenszyklus, war zu dieser Zeit eine zentrale Herausforderung für Unternehmen. Gleichzeitig fehlten ihnen Fachkräfte mit entsprechendem Vorwissen. Mit der zunächst dreiwöchigen, später zweiwöchigen berufsbegleitenden Weiterbildung adressierte das Fraunhofer IPK diesen akuten Bedarf. Die Ausbildungsinhalte wurden in Zusammenarbeit mit den Fraunhofer-Instituten IAO und IPT, dem Bremer Institut für Strukturmechanik und Produktionsanlagen (bime) und unter Mitwirkung namhafter Unternehmen entwickelt. Heute wird das Zertifikatsprogramm gemeinsam mit dem Fraunhofer IAO und der Fraunhofer-Academy angeboten.

Digitale Transformation und Kreislaufwirtschaft

Später, ab 2020 verschob sich der Schwerpunkt des Mehr Können-Programms: Während zuvor ausschließlich Präsenzveranstaltungen stattfanden, hielten nun Online-Formate Einzug, die thematisch die digitale Transformation der Produktion in den Mittelpunkt rückten. Für Fach- und Führungskräfte bedeuteten die rasanten technologischen Entwicklungen veränderte Kompetenzprofile und neue Qualifikationsbedarfe. 

Darauf reagierte das Fraunhofer IPK zum Beispiel mit dem modularen Online-Zertifikatsprogramm »Mastering Digital Twins«, das die Kompetenzen für eine der Schlüsseltechnologien der Industrie 4.0 vermittelt. Ab 2021 wurde hier zunächst die Ausbildung zum Digital Twins Business Consultant angeboten. Im Juli 2026 folgten die Kurse »Digital Twins Solutions Architect« und »Digital Twins Technical Developer«. Neu im Programm sind jetzt auch Blended-Learning-Angebote rund um das Thema Kreislaufwirtschaft. Grundlagenschulungen zur systematischen Entwicklung zirkulärer Geschäftsmodelle und zur strukturierten Vorbereitung auf den Digitalen Produktpass sowie eine Workshopreihe zum Klimaschutzmanagement in Unternehmen machen deutlich: Das Mehr-Können-Programm entwickelt sich kontinuierlich weiter und bereitet Fach- und Führungskräfte auf die Herausforderungen der Produktion von morgen vor.

To be continued...

Jede Woche Mittwoch kommt ein neuer Beitrag zu unserer Institutsgeschichte. Bleiben Sie dran!