Die 1980er Jahre: Produktionstechnisches Zentrum (PTZ) Berlin

Zwei Ereignisse prägen die 1980er Jahre im Fraunhofer IPK: Am 1. Januar 1980 wird das Institut eigenständig. Und von 1982 bis 1986 entsteht das Gebäude, in dem das Institut bis heute seinen Sitz hat: das Produktionstechnische Zentrum (PTZ) am Charlottenburger Spreebogen.

1980: Vom »IPA-Berlin« zum »Fraunhofer IPK«

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U.S. Diplomat John C. Kornblum beim PTK 1998, links neben ihm Prof. Günter Spur.

Berlin wird Fraunhofer-Land

Spulen wir noch einmal zurück und erinnern uns: 1976 nahm man an, dass die UdSSR Fraunhofer in Berlin nicht akzeptieren würde und gründete das von Prof. Spur geplante Institut für Produktionstechnik als Außenstelle des Stuttgarter Fraunhofer IPA. Dieses Konstrukt hatte jedoch von Anfang an nur formalen Charakter. Tatsächlich betrachtete sich das IPA-Berlin immer als eigenständig handelnde Einheit, wie sich zwischen den Zeilen aus dem ersten Jahresbericht des jungen Instituts herauslesen lässt. Hier heißt es, zur inhaltlichen Abstimmung des Stuttgarter sowie des Berliner Institutsteils sei eine gemeinsame Institutsleitung gebildet worden, bestehend aus Prof. Hans-Jürgen Warnecke für Stuttgart und Prof. Günter Spur für Berlin. Beide hätten jedoch »aus Gründen der Praktikabilität auf eine Verantwortlichkeit für den jeweils anderen Institutsbereich verzichtet«.

Drei Jahre lang war Fraunhofer auf diese Art in Westberlin aktiv, ohne dass es Widerspruch vonseiten der Sowjetunion oder der DDR gab. Mutmaßlich machten sich daher vor allem Vertreter der USA für die Eigenständigkeit des Instituts stark. Als prominenter Unterstützer in diesem Zusammenhang wird der US-Diplomat John C. Kornblum betrachtet. Der spätere US-Botschafter in Deutschland blieb dem Institut auch in seiner weiteren Laufbahn verbunden und hielt unter anderem eine Grußbotschaft beim Produktionstechnischen Kolloquium (PTK) 1998.

Und so wurde schließlich de jure umgesetzt, was de facto schon gegeben war: Im Lauf des Jahres 1979 erklärte Westberlin seine Bereitschaft, sich an der Bund-Länder-Finanzierung der Fraunhofer-Gesellschaft zu beteiligen. So konnte das IPA-Berlin zum 1. Januar 1980 eigenständig werden. Seitdem trägt es den Namen »Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik IPK«.

Fraunhofer in Berlin – schmeckt trotzdem nicht jedem

Widerspruch gegen die Fraunhofer-Präsenz in Berlin wurde Anfang der 1980er Jahre trotzdem laut – allerdings von anderer Seite. Zweimal wurde das Fraunhofer IPK zum Ziel von Protestaktionen aus dem studentischen Umfeld. Bei einer Institutsbesetzung 1982 kritisierten Studierende der Soziologie die Forschungsarbeiten des Instituts zur Automatisierung der Industrie, weil sie dadurch Arbeitsplätze gefährdet sahen. Ein Jahr später drangen Demonstrierende in die Institutsräume ein und beschädigten Computer und Speichermedien. Dieses Ereignis stand im Zusammenhang mit Protesten gegen den Nachrüstungsbeschluss des Bundestages: Da Fraunhofer mit Verteidigungsforschung assoziiert wurde, propagierten die Beteiligten, die Elektronik-Forschung des Fraunhofer IPK diene neben zivilen auch Rüstungszwecken – was nicht den Tatsachen entsprach. Der transparente Dialog mit der Öffentlichkeit über die eigenen Forschungsinhalte gewann ab diesem Zeitpunkt zunehmend an Bedeutung.

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Bei der Institutsbesetzung 1983 wurden Computer und Speichermedien zerstört.

1981: Roboterlabor Ackerstraße

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Der Eingang zum Gebäudekomplex in der Ackerstraße 76 in den 1980er Jahren
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Das Roboter-Versuchsfeld in der Ackerstaße erlaubte auch Aktivitäten jenseits von Forschung und Entwicklung: Prof. Günter Spur bei Dreharbeiten für einen Filmbeitrag.
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In der Ackerstraße waren Roboter aller großen Hersteller versammelt, etwa von KUKA, Reis Robotics und Manutec.

Mehr Platz für große Geräte

Platz blieb ein Thema für das stetig wachsende Fraunhofer IPK. Die Räume an der Kleiststraße ermöglichten zwar elektronische Laborarbeiten und den Betrieb von Großrechnern, erlaubten aber keine schweren Geräte. Erprobungsarbeiten an Werkzeugmaschinen fanden im Versuchsfeld des IWF in der Fasanenstraße statt. Dort jedoch stießen die beiden Institute zunehmend an räumliche Grenzen – auf Fotos aus den 1980er Jahren ist zu sehen, dass das Versuchsfeld zuletzt vollgestellt war bis auf den letzten Zentimeter. Vor allem Roboterversuchsstände trugen zur Raumnot bei.

So kam es gelegen, dass die TU Berlin 1980 Hallen und Büroflächen in einem stillgelegten Fabrikgebäude der AEG in der Ackerstraße anmieten konnte. Das Gebäude ist ein Erweiterungsbau des traditionsreichen AEG-Werksgeländes in der Brunnenstraße, wo heute das Fraunhofer IZM seinen Sitz hat. Die Renovierung dauerte ein Jahr, und 1981 wurde dort ein Roboterlabor in Betrieb genommen. Platz gab es damit nun zwar ausreichend – doch das »Raumproblem« verlagerte sich auf eine andere Ebene: Fraunhofer IPK und IWF waren nun an drei Standorten tätig. Die Zusammenarbeit innerhalb der beiden Institute sowie zwischen ihnen wurde durch lange Wege behindert. Es war daher eine große Erleichterung, als im Dezember 1982 der erste Spatenstich für das Gebäude gesetzt werden konnte, der künftig die beiden Institute an einem großzügigen Standort integrieren sollte.

Rund um den Roboter

Vorerst jedoch konzentrierte sich die Forschung zu Industrierobotern in der Nähe des Nordbahnhofs. Der Industrieroboter ist eine vergleichsweise junge Arbeitsmaschine. Im Jahr 1954 meldete George Devols ein Patent für seinen »Unimate« an, den ersten programmierbaren Manipulator. Mit Beginn der 1960er Jahre hielten erste kommerzielle Geräte zunehmend Einzug in die Industriehallen. So auch in Deutschland: 1970 sollten Unimates in die Fertigung bei Daimler eingeführt werden. Der deutsche Vertriebspartner KUKA stieß dabei jedoch an Grenzen, die die Entwicklung des ersten deutschen Industrieroboters motivierten: Der »Famulus« war zugleich der erste Roboter mit sechs elektromechanisch angetrieben Achsen. 1974 erschien in Schweden der erste voll computergesteuerte Roboter.

An dieser Stelle sprang das Fraunhofer IPK auf den Entwicklungszug auf. Im Bereich der Steuerungstechnik konnte das Institut unter Prof. Spur erheblich zur Roboterentwicklung beitragen. Allerdings diktierten die räumlichen Möglichkeiten in den ersten Jahren eine Konzentration auf Steuerungen und passende Platinen sowie die Simulation von Bewegungsabläufen. Mit der Eröffnung des Labors wurde deutlich mehr möglich. Bahn- und Punktsteuerungen konnten jetzt nicht nur entwickelt, sondern direkt vor Ort getestet werden. Zudem konnten Anwendungsfälle aus den verschiedensten Bereichen – wie Montage, Schweißen, Bürsten oder Entgraten – erprobt werden. Auch erste Arbeiten zu kooperativen Robotern wurden möglich. Zu diesem Zweck war das Roboterlabor mit Geräten aller großen Hersteller ausgestattet, zum Beispiel von KUKA, Reis, Unimation sowie der aus Siemens hervorgegangenen Firma Manutec. 

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1982: Das Fraunhofer IPK am Steuer

Erfolg bahnt sich an

Mit immer neuen Anwendungsszenarien für Industrieroboter vor allem in der Automobilindustrie, von Sensorführung über Fertigungsaufgaben bis zur Montage, erhöhten sich auch die Anforderungen an ihre Steuerungen. Zunächst führten die Roboter einfache Bewegungen von einer zur anderen Koordinate aus – für Punktschweißaufgaben beispielsweise waren solche Punktsteuerungen ausreichend. Komplexe Bewegungen jedoch, die z. B. zum Entgraten, Lackieren, Beschichten oder Schweißen von ganzen Nähten notwendig sind, wurden erst mit sogenannten Bahnsteuerungen möglich. Umso leistungsfähiger mussten Steuerungssoft- und -hardware sein.

Das Fraunhofer IPK profitierte von der schon in den ersten Jahren gesammelten Expertise und wurde von verschiedenen Steuerungs- und Roboterherstellern mit Entwicklungsprojekten beauftragt: in der Konzeption komplett neuer Software, zur Erweiterung vorhandener Lösungen oder für die Optimierung von Verfahren für das Teach-in, also dem Training der Roboter. Seit 1979 gab es Zusammenarbeiten mit Siemens und dem Unternehmen KUKA, das 1973 seinen ersten 6-Achs-Roboter Famulus auf den Markt gebracht hatte. Das Fraunhofer IPK entwickelte Bahn- und Punktsteuerungen für verschiedene Modelle. 1982 konnte die Auslieferung der 500. »Robot Control« gefeiert werden – die Nachfolgemodelle des Famulus brachten die Entwicklung von KUKA zu einem der größten Roboterhersteller weltweit maßgeblich voran.

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6-Achs-Roboter von KUKA zum Schweißen von Motorradrahmen (vorne) und bei Versuchen am Fließband (hinten)
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Anzahl installierter Industrieroboter: Anfang der 1980er wurden in Deutschland deutlich weniger Industrieroboter genutzt als in den USA – und vor allem Japan zog rasend schnell davon.
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Der KUKA IR 6/25 „Libo“, hier eingesetzt zum Lichtbogenschweißen mit der zugehörigen CNC-Steuerung
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Mit am Fraunhofer IPK entwickelter Software konnten Programme zunächst am virtuellen Roboter getestet werden.
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Früher Säulenroboter der Firma Reis Robotics mit vierachsigem Scara-Arm, der Bewegungen in einer horizontalen Ebene ausführen kann

Virtuelle Roboter, reale Produktion

Neben der Hardwareentwicklung und Steuerungsprogrammierung gewann auch die Simulation von Industrieroboterprogrammen im Lauf der 1980er Jahre immer größere Bedeutung. Statt dem manuellem Online-Teach-in, d. h. der Programmierung am realen Roboter, konnten Programme nun zunächst virtuell und ohne Ausfall der laufenden Produktion getestet werden. Damit war der Grundstein für die Offline-Programmierung gelegt, heute eine unverzichtbare Technologie in der Industrie.

Das war auch für komplexe 12-Achs- bzw. 6+6-Achssysteme relevant, bei denen z. B. ein Roboter ein auf einem Drehtisch gespanntes Teil bearbeitet. In den späten 80er Jahren testeten Teams am Fraunhofer IPK sogar kooperierende Roboter: Ein Roboter bewegte das Werkzeug, der andere das Werkstück. 

1982: Das Produktionstechnische Zentrum (PTZ) entsteht

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So war es gedacht: Im Zentrum ein Forum, umgeben von Institutsgebäuden. In dieser Planungsphase waren sogar noch Brücken zwischen den Gebäuden vorgesehen.
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Bevor die Entscheidung für die runde Bauform fiel, wurden auch andere Varianten diskutiert. Die wesentlichen Alternativen wurden betitelt mit »Kreuz« …
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… und »Forschungstürme«.

Bauplanung am Charlottenburger Spreebogen

Wohl dem, der ein neues Quartier benötigt, wenn ein enger Partner gerade großzügige Flächenerweiterungen plant. In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre kämpfte nicht nur das spätere Fraunhofer IPK mit Platzproblemen. Auch die TU Berlin kam zu dieser Zeit an räumliche Grenzen. Die Zahl der Studierenden war zwischen 1969 und 1979 enorm gewachsen. Das vorhandene Personal konnte sie kaum adäquat betreuen – mehr Personal konnte auf den vorhandenen Flächen aber nicht beschäftigt werden. Außerdem agierte die Universität mit zahlreichen gemieteten Flächen, die auch noch über die gesamte West-Berliner Innenstadt verstreut waren.

Für den Ausbau der TU wurden unterschiedliche Areale diskutiert, unter anderem das sogenannte Spreebogengelände nördlich der Helmholtzstraße. Im Rahmen einer »strukturellen Gesamtplanung« der TU-Erweiterung wurde eine umfassende Neuordnung der dortigen Grundstücke vorgeschlagen. Die favorisierte Idee sah vor, um einen zentralen Platz – ein Universitätsforum – mehrere Institute sternförmig anzuordnen. Angedacht waren Neubauten für die Fertigungs- und Verfahrenstechnik, den Maschinenbau, die Lebensmitteltechnologie, das Verkehrswesen sowie eine Mensa. Eine schöne Idee, die letztlich nicht umgesetzt wurde, weil die Grundstücksverhältnisse im Spreebogen zu kompliziert waren.

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Frühe Phase des runden Konzepts
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Baumassenstudie für das Spreebogengelände. Der Gebäudeentwurf war schon weit fortgeschritten, und noch plante man mit dem Universitätsforum.
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Physisches Modell des PTZ aus der Planungsphase, 1982

Produktion im Kreis

Schon der Baubeginn des ersten Instituts, das an diesem Standort konkret geplant wurde, verzögerte sich durch diese Probleme massiv. Mehrere Industriebetriebe, darunter eine Gießerei und eine Kohlenhalde, mussten umgesiedelt werden, ehe der Neubau für die Fertigungstechnik entstehen konnte. Dieser sollte das IWF der TU Berlin und das Fraunhofer IPK räumlich zusammenführen.

Dass es am Ende das einzige Gebäude bleiben würde, das sich auf den geplanten Forumsplatz hin orientiert, war zum Zeitpunkt der Bauplanung nicht absehbar. Und so wurde das »Produktionstechnische Zentrum (PTZ)« von den Architekten Prof. Gerd Fesel und Prof. Peter Bayerer nach einem innovativen Gebäudekonzept auf zwei Fokuspunkte ausgerichtet: Das Hauptgebäude besteht aus einer kreisrunden Maschinenhalle als Mittelpunkt der wissenschaftlichen Arbeit, die von einem mehrstöckigen Bürotrakt umgeben ist. Die Anordnung sollte eine visuelle Verbindung zwischen Orten theoretischer und praktischer Arbeit schaffen. Damit war das PTZ nicht nur für den Universitätsbau vorbildstiftend, sondern auch für die industrielle Architektur, bei der Administration und Fertigung häufig räumlich getrennt wurden. Dem Hauptkomplex wurden ein der Krümmung der Pascalstraße angepasster zweiter Büroflügel und ein niedrigerer Seminartrakt vorgelagert, der auf das Zentrum des Spreebogengeländes fokussiert. Was von den Forumsplänen übrig blieb, bildet heute die Grünfläche des PTZ.

Der erste Spatenstich für das Gebäude war ursprünglich für 1979/1980 geplant, am 10. Dezember 1982 konnte er endlich ausgeführt werden. Knapp ein Jahr später, am 26. Oktober 1983, wurde der Grundstein gesetzt.

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»Raum für Gestaltung«: Das Gelände am Spreebogen vor Baubeginn. Einen Spielplatz gab es in der Nähe des PTZ schon damals.
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Auf der Baustelle, 1983
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Das PTZ im Bau, 1984. Im Vordergrund ist der große Hörsaal im Seminartrakt noch ohne Dach.
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Prof. Günter Spur mit der Grundsteinkapsel am 26. Oktober 1983.

1983: CAD-Software made in Berlin

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Die erste Version des »Modell Berlin« bestand aus dem Tektronix-Plotter 4663, Perkin-Elmer-Rechner 3220 sowie einem Programmier- und einem 19-Zoll-Grafikterminal (Tektronix 4014).
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1982 wurde der Arbeitsplatz um weitere Geräte zur grafischen Eingabe und zum Plotten von Zeichnungen ergänzt.

Ganzheitliche Lösungen im und vor dem Rechner

Schon vor Gründung des Fraunhofer IPK lag einer der Forschungsschwerpunkte des IWF der TU Berlin im Bereich Softwareentwicklung. Dort wurde unter anderem EXAPT entwickelt, eine Programmiersprache für NC-Bearbeitung. Daraus ergab sich ein logischer Fokus für das Fraunhofer IPK: Teilweise am IWF entwickelte Systeme wie COMPAC (für 3D-Darstellungen), COMVAR (für 2D-Zeichnungserstellung mit Anbindung an Berechnungsprogramme und Fertigungsplanung), CAPSY (für Arbeitsplanung verschiedener Fertigungsverfahren), CADSYM (ein interaktives CAD-System zur Symbolverarbeitung), CASUS (für die Erstellung von 3D-Modellen aus Handzeichnungen) oder Baustein GEOMETRIE (zur Umwandlung von Spracheingaben in 3D- und 2D-Darstellungen) wurden durch die Forschenden für den Transfer in die Industrie erweitert.

Die ersten Forschungsprojekte des Instituts in diesem Bereich mündeten im vom Berliner Senat geförderten CAD-Arbeitsplatz »Modell Berlin«, der ab 1980 der Öffentlichkeit und interessierten Unternehmen präsentiert wurde. Im Modell Berlin wurden die verschiedenen Softwaresysteme integriert. An einem grafischen, einem Programmier- und einem Bedienarbeitsplatz, verbunden mit einer zentralen Recheneinheit, konnten Ingenieure und Ingenieurinnen CAD-Modelle erstellen und daraus Zeichnungen ableiten, aber auch umgekehrt aus Handzeichnungen dreidimensionale Darstellungen am Rechner generieren.

Advanced Production Systems

Ein weiteres Großprojekt bestimmte über ein Jahrzehnt die Arbeit der Abteilung Konstruktionstechnik am Institut: Ab 1981 arbeiteten Forschende aus Berlin und Aachen zusammen mit norwegischen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen des SINTEF-Forschungsinstituts in Trondheim sowie dem Sentralinstitutt for Industriell Forskning in Oslo an der CAD/CAM-Software der Zukunft. Unter dem Namen »Advanced Production Systems« (APS) entstanden Systemarchitekturen, Software für die Zeichnungserstellung und 3D-Modellierung und für Arbeitsplanung und NC-Programmierung.

Dabei wurde mit verschiedenen Industriepartnern und Softwareherstellern, wie der EXAPT Systemtechnik, Norsk Data und mbp, dem ersten Softwarehaus Europas, zusammengearbeitet. Der Hersteller Norsk Data übertrug den im Projekt entstandenen »APS Geometric Modeller,« der u.a. auf COMPAC basierte, in das CAD-System »Technovision«. Die CAD-Abteilung der Norsk Data Dietz GmbH wurde 1992 von Intergraph übernommen – dem Software-Unternehmen, das 1995 mit SolidEdge eine auch heute noch verbreitete CAD-Software auf den Markt brachte. Es ist nicht auszuschließen, dass Überreste von APS ihren Weg auch in aktuelle CAD-Systeme gefunden haben.

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Im Projekt APS schritt die Entwicklung der CAD-Software weiter voran – mit Software vom Fraunhofer IPK wurden aus handgezeichneten Ansichten auch farbige 3D-Modelle generiert.

1983: Gründe zum Gründen

Technopolis Charlottenburg?

Wäre es nach Institutsleiter Prof. Spur gegangen, hätte das »Doppelinstitut« aus Fraunhofer IPK und IWF der TU Berlin in den 1980er Jahren als Keimzelle eines produktionstechnischen »deutschen Silicon Valley« fungiert. Die Bedeutung technischer Innovation für die Berliner Wirtschaft hatte nicht nur Spur erkannt – sie war bereits in den 1970er Jahren der Motivator für die Gründung des Fraunhofer IPK gewesen. Ab 1982 förderte auch der Berliner Senat zunehmend die enge Verzahnung von Forschung und Wirtschaft. Und so gründeten Mitarbeitende mit Unterstützung der beiden Institute zahlreiche Unternehmen. 

Die wahrscheinlich umfassendste Entwicklung nahm die VW-gedas (Gesellschaft für technische Datenverarbeitungssysteme). Bereits 1979/80 hatten Mitarbeitende des Fraunhofer IPK mit Seminaren zur Entwicklung von Steuerungen für Industrieroboter und zur Einführung von CAD-Software eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit VW begonnen. Daraus folgte 1983 die Gründung der gedas als interner IT-Dienstleister für Volkswagen. Sie wurde später mit über 5000 Mitarbeitenden und 600 Mio. Euro Umsatz zu einem der führenden Entwicklungs- und Beratungsunternehmen in der Automobilindustrie. Über viele Jahre blieb der wachsende Konzern dabei seiner Charlottenburger Heimat treu – der Hauptsitz der VW-gedas-Gruppe wurde in direkter Nachbarschaft zum Produktionstechnischen Zentrum errichtet. Das Gebäude wird heute durch die T-Systems International GmbH genutzt, die gedas 2006 übernahm.

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Dieser Lageplan von 1988 zeigt den Hauptsitz der VW-gedas (links) in direkter Nachbarschaft zum Produktionstechnischen Zentrum (PTZ) Berlin.
Sitz der VW-gedas in der Pascalstraße
Die VW-gedas nutzte zeitweise sowohl das Gebäude im Vordergrund mit den roten Aufbauten als auch den Querriegel am Spreeufer – und expandierte in den 1990er Jahren nicht nur in Berlin, sondern weltweit mit Standorten z. B. in den USA, China und Japan.
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Erster Sitz der INPRO GmbH in der Hallerstraße 1 in direkter Nähe zum PTZ (hinten)

»Innovationen aus Berlin für den Automobilbau«

So betitelte die Berliner Morgenpost am 16. Juni 1983 einen Beitrag zur Gründung der Innovationsgesellschaft für fortgeschrittene Produktionssysteme in der Fahrzeugindustrie mbH, kurz inpro. Auf dem 3. Berliner Wirtschaftsgipfel 1982 hatten Daimler-Benz, BMW, VW und Siemens ihr Interesse an der Gründung einer gemeinsamen Gesellschaft für Forschung und Entwicklung im Automotive-Bereich erklärt. Inspiriert von Erfolgsgeschichten aus den USA oder Japan hatte Prof. Spur diese Idee gemeinsam mit den beteiligten Unternehmen weiter vorangetrieben. Spur wurde dann auch zum Gründungsgeschäftsführer ernannt. 

Auch inpro siedelte sich nur wenige Meter entfernt vom PTZ an – und hält weiterhin die Nähe zur Forschung: Heute befindet sich der Sitz der Gesellschaft am Berliner Steinplatz, in unmittelbarer Nähe der Technischen Universität. 

Weitere Gründungen im Umfeld des PTZ

Natürlich sollen die vielen weiteren Ausgründungen durch Mitarbeitende von Fraunhofer IPK, teilweise in Zusammenarbeit mit dem IWF, nicht unerwähnt bleiben. Die Tabelle zeigt die in den 1980er und frühen 1990er Jahren gegründeten und bis heute aktiven Unternehmen.

Gründungsjahr Unternehmen
1981 PROCAM Steuerungstechnik GmbH
1983 INPRO GmbH
1983 VW-gedas
1983 Steuerungstechnik und Datenkommunikation Dipl. Ing. Döbelt
1984 May & Dörrenberg Maschinenbau
1989 GITTA Gesellschaft für interdisziplinäre Technikforschung Technologieberatung Arbeitsgestaltung mbH
1991 dCADE¹

 
1 1999 übernommen von Unigraphics Solutions (heute Teil von Siemens Digital Industries Software)

1984: Preiswürdig

Die Entwicklungsarbeiten, die in den 1980er Jahren im Fraunhofer IPK geleistet wurden, waren ausgezeichnet – im wörtlichen Sinne: Zweimal wurden Mitarbeitende des Hauses in dieser Zeit mit renommierten Wissenschaftspreisen geehrt.

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August Potthast 1986
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Einfach, aber zweckmäßig in der Darstellung: August Potthasts graphisch-dynamisches Simulationssystem, Stand 1983

Joseph-von-Fraunhofer-Preis 1984: Gut simuliert ist halb gefertigt

Einer von ihnen war August Potthast, Mitte der 1980er Jahre Leiter der Abteilung NC-Technik. In seinen Verantwortungsbereich fielen sowohl die Entwicklung numerischer Steuerungen als auch die Simulation von Arbeitsabläufen und die Werkstattprogrammierung – die Erstellung von CNC-Programmen direkt an der Maschine. All diese Bereiche sind heute bei der Arbeit mit Werkzeugmaschinen Selbstverständlichkeiten – in den 1980er Jahren stand ihr breiter Einsatz noch relativ am Anfang.

Eine Entwicklung aus Potthasts Bereich war das »grafisch-dynamische Simulationssystem« zur Überprüfung von NC-Programmen. NC-Programme steuern Fertigungsabläufe in Maschinen, und ehe sie auf ein Werkstück angewendet werden, wird im Trockenlauf geprüft, ob sie verfahren wie geplant. Heute erfolgt die Prüfung im CAM-System am Computer – doch bevor Systeme wie das von August Potthast entwickelt wurden, wurden NC-Programme analog geprüft: Bei einem Plotterlauf wurde der Verfahrweg der Werkzeugspitze auf Papier gezeichnet. Potthasts Entwicklung machte es möglich, den Verfahrweg nicht an eine Maschine, sondern an einen Bildschirm auszugeben. Die Darstellung war zweidimensional und für heutige Begriffe rudimentär, aber das Verfahren nach damaligen Maßstäben so fortschrittlich, dass Potthast dafür 1984 mit dem Joseph-von-Fraunhofer-Preis ausgezeichnet wurde. Die Fraunhofer-Gesellschaft verleiht den Traditionspreis seit 1978 und bis heute jährlich an Mitarbeitende, die herausragende wissenschaftliche Leistungen zur Lösung anwendungsnaher Probleme erbracht haben.

Innovationspreis Berlin 1986: Aus Punkt mach Bahn

Eine andere prämierte Technologie wurde nicht nur für, sondern in direkter Zusammenarbeit mit der Berliner Industrie entwickelt: Der Online-Curve-Interpolator (OCI) machte es möglich, aus der Angabe weniger Einzelpunkte automatisiert NC-Programme für weiche Bahnbewegungen abzuleiten. So musste nicht mehr die komplette Bahnbewegung programmiert werden, was sowohl den Programmieraufwand als auch die dabei entstehende Datenmenge massiv reduzierte.

Für diese Lösung erhielten Linus Heilig vom Fraunhofer IPK sowie Gottfried Schulte-Tigges und Wolfgang Besovki von der Schleicher Electronic GmbH & Co. KG 1986 den Innovationspreis Berlin, der als Innovationspreis Berlin Brandenburg ebenfalls bis heute vergeben wird. Die Zusammenarbeit zwischen Schleicher und dem Fraunhofer IPK ist beispielhaft für die industrienahe Arbeit des Instituts in den 1980er Jahren. Das Unternehmen hatte ebenso wie das Institut den Wandel von der mechanischen hin zur elektronischen und digitalen Automatisierung aktiv gestaltet, ein intensiver Austausch war die Folge. Insbesondere auf dem Gebiet der speicherprogrammierbaren Steuerungen wurden die Entwicklungsarbeiten bei Schleicher von Forschenden des Fraunhofer IPK unterstützt.

Und mehr noch: Eine CNC-Steuerung aus dem Fraunhofer IPK wurde durch eine Lizenzvereinbarung mit Schleicher in die industrielle Anwendung überführt. Zugleich wechselten die damit befassten Köpfe aus dem Institut in das Industrieunternehmen, um ihre Entwicklung dort in der industriellen Anwendung zu begleiten. »So entstand aus einem lauffähigen Demonstrationsprototypen eine stabile, industriell gefertigte Steuerung«, heißt es in einer Publikation zum 75-jährigen Firmenjubiläum von Schleicher aus dem Jahr 2012. Die Kooperation entsprach damit allen Idealen, die den Fraunhofer-Auftrag auszeichnen. 

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Ausgezeichnete Entwickler: Wolfgang Besovki, Linus Heilig und Gottfried Schulte-Tigges (von links nach rechts) bei der Preisverleihung 1986

1986: Ein Zuhause für die Produktionsforschung

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Blick in die Maschinenhalle, bevor das Dach fertig wurde

Stetig wächst das PTZ

So kompliziert die Planung und Bauvorbereitung gewesen waren, so reibungslos verlief die Errichtung des Produktionstechnischen Zentrums. Einen maßgeblichen Beitrag dazu leisteten Dr. Erwin Feiten, der aufseiten des Fraunhofer IPK die Bauplanung übernahm, sowie sein Gegenüber auf der IWF-Seite, Joachim Eggert. Der gesamte Gebäudekomplex mit Büroflügeln, Versuchshalle und Seminartrakt entstand in rund drei Jahren Bauzeit zwischen Dezember 1982 und April 1986. Am 18. Oktober 1984 wurde über dem Gebäude der Richtkranz aufgezogen. Prof. Gerd Fesel, einer der beiden Architekten, konnte diesen Moment nicht mehr miterleben: Mitte September war er im Alter von 60 Jahren verstorben.

Was die Architekten und Bauträger letztlich an die beiden Forschungsinstitute übergaben, lässt sich in beeindruckenden Zahlen umreißen: Das Ensemble bietet auf 25 400 Quadratmetern Platz für ein zentrales Versuchsfeld, zahlreiche Speziallabore und Werkstätten, Hörsäle und Seminarräume für die ingenieurwissenschaftliche Aus- und Weiterbildung sowie eine Cafeteria und umfangreiche Büroflächen. Das Versuchsfeld misst 64 Meter im Durchmesser und rund 3200 Quadratmeter Fläche – damit ist es wahrscheinlich die größte freitragende Forschungshalle weltweit. Zwei Rundlaufkräne mit Traglasten von 7 und 20 Tonnen können jeden Punkt der Halle aus zwei Richtungen anfahren – so können Maschinen an beliebige Positionen in der Halle gestellt werden, ohne dass andere Maschinen aus dem Weg geräumt werden müssten.

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Der Richtkranz im künftigen Versuchsfeld am 18. Oktober 1984
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Zuschauer beobachten das Anheben der Richtkrone. In der Mitte Prof. Günter Spur.
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Einer der beiden Architekten des PTZ, Prof. Peter Bayerer, bei seiner Rede anlässlich des Richtfestes

Schlüsselübergabe: Der Betrieb geht los

Das Einweihungsjahr 1986 wird von zwei Eckdaten eingerahmt: der Schlüsselübergabe und der Einweihung. Mit der Schlüsselübergabe am 30. April 1986 wurde das PTZ in Betrieb genommen. Zu diesem Zeitpunkt bot es innen noch sehr viel freien Raum. Für die Zeremonie konnte ein Auditorium für rund 800 Gäste direkt in der Halle aufgebaut werden. Auf die Schlüsselübergabe folgten Monate hektischer Betriebsamkeit im Inneren des Gebäudes: Büros und Labore wurden eingerichtet, die damals noch raumgreifenden Rechner installiert und das Versuchsfeld – das Herz des Hauses – mit Maschinen bestückt. 

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Im Juni 1985 wartet der Kran für das Versuchsfeld vor dem TU-Hauptgebäude auf den Transport zum PTZ.
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Da war die Halle noch sehr leer: feierliche Schlüsselübergabe am 30. April 1986
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Einer der »goldenen Institutsschlüssel«, die bei dem Festakt an den Institutsleiter übergeben wurden.
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Die Aufstellungsplanung der Maschinen im Versuchsfeld nimmt Formen an, Juni 1986.
© privat
Der spätere Institutsleiter Dr. Eckart Uhlmann im Schwerlastfundament, 1986
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Das Versuchsfeld nach der Fertigstellung, 1986

Das Gebäude wird prämiert

Der Stolz der ersten Nutzenden auf das neu errichtete Gebäude muss immens gewesen sein. Er spiegelt sich in zahlreichen zeitgenössischen Publikationen, die minutiös und in detailverliebter Fachsprache die Gebäudeplanung, architektonische und funktionale Aspekte, die Bauchronik sowie die Forschungstätigkeiten hinter der weißen Fassade beleuchten.

Auch in der Architekturwelt wurde das Gebäude interessiert wahrgenommen. Das Gebäudekonzept erhielt 1987 den Deutschen Architekturpreis. In der Begründung heißt es: »In einer Welt zunehmender Automatisierung […] haben sich die Architekten der für die Zukunft zentralen Aufgabe gestellt, dem Arbeitsplatz des Menschen eine eigene Identität zu geben, die Anonymität und Isolierung des einzelnen in der industriellen Arbeitswelt zu überwinden.« Prämiert wurde damit die beispielhafte Verbindung von Orten theoretischer und praktischer Arbeit, die das Gebäudekonzept maßgeblich bestimmt hatte. 

© Fraunhofer IPK / Larissa Klassen
Deutscher Architekturpreis
© Fraunhofer IPK / Larissa Klassen
Europäischer Stahlbaupreis

Die pulverbeschichtete Fassade wurde im gleichen Jahr mit dem europäischen Stahlbaupreis ausgezeichnet. Und das zu Recht, wie sich im Lauf der Jahre zeigen sollte: Liebevoll gepflegt und regelmäßig gereinigt, strahlt das Gebäude auch 40 Jahre nach seiner Einweihung noch immer leuchtend weiß. 

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Seit 1986 strahlt es weiß am Ufer des Charlottenburger Spreebogens: das Produktionstechnische Zentrum (PTZ) Berlin

1986: Roboter-Fortschritt für die Raumfahrt

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Ein freischwebendes Objekt zu fangen (wie hier im Versuchsaufbau simuliert) war eines der anspruchsvollsten Experimente der Mission. Hier musste alles stimmen, denn die Position des umherfliegenden Würfels konnte nicht vorhergesagt werden. Stattdessen sollte der Roboter mithilfe zweier Kameras einen geeigneten Bewegungsablauf berechnen. Im zweiten Anlauf klappte das perfekt.

Experimente im Orbit

Wir spulen vor zum 26. April 1993. Die zweite deutsche Spacelab-Mission D-2 startet mit Ulrich Walter und Hans Schlegel Richtung Weltall. Insgesamt soll die Crew in den folgenden Tagen fast 90 Experimente durchführen. Mit an Bord: ein mit Software des Fraunhofer IPK gesteuerter Roboterarm.

Bereits zu Beginn der 1980er Jahre hatte sich die ESA mit der Trägerrakete Ariane und dem Labor Spacelab in der Weltraumforschung etabliert, und auch die Robotertechnik stieß in immer neue Umgebungen vor. Mit dem Roboter-Technologie-Experiment ROTEX sollte nun die erste große Beteiligung Deutschlands in diesem Bereich folgen, maßgeblich unterstützt durch die Forschung am Fraunhofer IPK. Die Mission war ein großer Erfolg: Erstmals wurde ein Roboter im All von der Erde aus ferngesteuert. »Damit nahm eine Reihe von erfolgreichen Experimenten ihren Anfang, bei der Mensch und Roboter zu einem Team wurden«, erklärte 2018 Prof. Hansjörg Dittus (damals DLR-Vorstand für Raumfahrtforschung und -technologie). Die Arbeitszelle mit dem Roboterarm steht heute im Deutschen Museum in München.

Forschende aus dem Fraunhofer IPK entwickelten das bodenseitige Überwachungs-, Programmier- und Simulationssystem sowie die bordseitige Robotersteuerung für den automatischen Betrieb des 6-Achs-Roboters. An Bord des Space Shuttle Columbia sollte dieser Experimente wie das Einfangen eines freischwebenden Balls durchführen. Die extreme Entfernung und Zeitverzögerung von ca. sechs Sekunden zwischen dem Kontrollzentrum in Oberpfaffenhofen und dem Spacelab überwand man mit einer Steuerungstechnologie, die auch außerhalb dieses Projekts Anwendungen fand und heute Standard ist: die Offline-Programmierung, mit der Roboterprogramme auf einem separaten Rechner vorbereitet, simuliert und anschließend in die reale Robotersteuerung geladen werden. Die von Mitarbeitenden des Fraunhofer IPK in der Bodenstation vorbereiteten Anweisungen wurden also zunächst auf der Erde simuliert und dann an den Roboterarm im Orbit übertragen.

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Eine weitere Aufgabe für den Roboter: Er sollte Gitterstrukturen zusammensetzen um zu demonstrieren, wie zukünftige Weltraumstationen und -fabriken vollautomatisiert zusammengesetzt werden könnten. Getestet wurde das im hier gezeigten Versuchsaufbau auf der Erde.
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Der Roboterarm an Bord des Spacelabs konnte sowohl von einem der Astronauten als auch von der Erde ferngesteuert werden. In beiden Betriebsarten wurde die »Telemanipulation« des Roboters über einen Bildschirm überwacht. In der Bodenstation sorgte zudem eine von Künstlicher Intelligenz unterstützte prädiktive Simulation dafür, dass die Bedienung trotz Entfernung und Zeitverzögerung funktionierte.
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Das Labor für orbitale Automatisierungstechnik (LORA) war ab 1989 die ideale Testumgebung für Forschung und Entwicklung in der Raumfahrt.

Entwicklungsumgebung auf der Erde

Die Beteiligung an ROTEX war nur das erste von zahlreichen Projekten im Bereich der Raumfahrt, an dem die Forschenden des Fraunhofer IPK in den 1980er und 1990er Jahren arbeiteten. Eigens für dieses Forschungsgebiet wurde 1989 das Labor für orbitale Automatisierungstechnik (LORA) im Versuchsfeld des Produktionstechnischen Zentrums (PTZ) Berlin installiert. Hier wurden etwa ein Jahrzehnt lang Experimente in der Robotertechnik durchgeführt. Dem Spacelab nachempfunden, fanden dort Versuche mit verschiedenen Robotern und Montagesystemen unter möglichst realistischen Weltraumbedingungen statt.

Auch in den 90er Jahren blieb die Raumfahrt ein wichtiges Thema im PTZ Berlin. Im von der ESA ausgeschriebenen Projekt SPARCO (SPAce Robot COntroller) beispielsweise entwickelten die Forschenden gemeinsam mit den Unternehmen Tecnospazio, Fokker und COMAU sowie der DLR eine Robotersteuerung für den Einsatz unter schwierigen Bedingungen im Weltall.

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Im ersten Experiment im neuen LORA wurde eine automatisierte Arbeitszelle aufgebaut, um Proben durch die Raumstation zu bewegen. Der Roboterarm wurde auf zwei Linearachsen montiert und konnte so verschiedene Positionen anfahren.

1986: Computer Integrated Manufacturing in der »Fabrik der Zukunft«

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Der CIM-Leitstand auf der Hochebene im Versuchsfeld 1986 in der ersten Ausbaustufe von außen…
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…und innen

Produktion wird vernetzt

Als das Fraunhofer IPK in den 1970er Jahren startete, hatte die Anbindung aller Abläufe in der Produktion – vom Produktentwurf bis zur Fertigung – an computergestützte Systeme maßgeblich die Arbeit des Instituts bestimmt. Auf dem Weg zur Vision einer automatisiert gesteuerten »Fabrik der Zukunft« vollzog die Forschung in den 1980er Jahren den nächsten informationstechnischen Schritt: Das Computer Integrated Manufacturing (CIM) zielte darauf, die Informationen der verschiedenen Systeme in fertigenden Unternehmen in übergeordnete EDV-Systeme zu integrieren, um eine durchgängige Steuerung von Abläufen zu realisieren.

Nachdem das Fraunhofer IPK auf der EMO 1985 publikumswirksam demonstriert hatte, wie sich das realisieren lässt, wurde die Funktionsweise von CIM ab 1986 im eigenes im Institut eingerichteten CIM-Labor sukzessive verfeinert. Auf der Hochebene des frisch eingeweihten Versuchsfelds entstand ein Leitstand, in dem die informationstechnische Verbindung der Fertigung und Montage mit planenden Bereichen wie Auftragsbearbeitung, Konstruktion, Arbeitsvorbereitung und Produktionsplanung getestet wurde. Praxiserprobte Standardsoftware wie CAD- oder PPS (Produktionsplanung und -steuerung)-Systeme wurden mit einer am Institut entwickelten Werkstattsteuerungssoftware zu einem Gesamtsystem vernetzt.

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Dr. Kai Mertins an den drei Bildschirmen, die für seine Ablaufsteuerung auf Werkstattebene erforderlich waren
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Tätigkeitsfelder des CIM-Technologietransferzentrums am PTZ
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CIM-TT in der Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung

CIM in der Praxis 

Um zu verdeutlichen, wie CIM die Fertigungspraxis verändern wollte, sei nur ein Beispiel genannt: das von Dr. Kai Mertins, damals Leiter der Abteilung Fertigungssysteme, später des gesamten Bereichs Planungstechnik, entwickelte »Dreibildschirmkonzept«. Es brachte Fabrikplanung und Werkstattsteuerung auf übersichtliche Art zusammen. Analog zu heutigen Management-Cockpits war dabei auf drei nebeneinander positionierten Bildschirmen ersichtlich, welche Prozesse aktuell auf den Maschinen einer Fertigung ausgeführt werden, welche Aufträge anstehen und welche Kapazitäten dafür verfügbar sind. Als Vorstufe der heutigen durchgehenden Produktionsprozessketten wurde mit solchen Lösungen eine wegweisende Teilintegration erreicht.

Um den Transfer der Lösungen in die industrielle Anwendung zu unterstützen, wurde im Dezember 1988 im PTZ ein CIM-Technologietransferzentrum (CIM-TT) gegründet. CIM-Transferzentren entstanden zu diesem Zeitpunkt mit Unterstützung des BMFT an verschiedenen Standorten in der Bundesrepublik. Ihre Aufgaben bestanden darin, Unternehmen zum Stand der Technik zu informieren und die Integration von CIM-Lösungen zu begleiten. Das CIM-TT am Fraunhofer IPK begrüßte in den folgenden Jahren und bis weit in die 1990er in zahlreichen Veranstaltungen jährlich mehrere 1000 Besucher.

Sonderthema: Das Produktionstechnische Zentrum in Film und Fernsehen

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Als Krankenhaus immer gern genommen: Für die Serie »Frauenherzen« von 2015 wurde am Institutsschild an der Ecke Pascalstraße / Schlesingerstraße ein »Rebranding« vorgenommen.

Hollywood-Feeling an der Spree

Seit den 1980er Jahren thront es strahlend weiß am Charlottenburger Spreebogen: Das Produktionstechnische Zentrum (PTZ) Berlin ist mit seiner ungewöhnlichen Architektur ein Hingucker im Berliner Stadtbild. So verwundert es nicht, dass das Zuhause von Fraunhofer IPK und IWF der TU Berlin gerne als Kulisse für Film- und Fernsehproduktionen genutzt wird. Es hat schon in den unterschiedlichsten Rollen geglänzt: als Ort der Produktionsforschung, aber auch als Krankenhaus oder Bank. 

In jeder Rolle machte das Gebäude eine gute Figur. So etwa 2014, als das ARD-»Hauptstadtrevier« für die Folge »Schwesternkrieg« die Startszene vor dem Haus spielen ließ: Der Besitzer eines Oldtimer-Autohauses wird auf dem Weg in seine Bank von einem fahrenden Auto erfasst. Als Krankenhaus trat das Gebäude in der Serie »Frauenherzen« von 2015 auf sowie im Spielfilm »Die Whistleblowerin« von 2022. In letzterer Produktion spielte es sogar ein schwedisches Krankenhaus. Mitarbeitende des Fraunhofer IPK fühlten sich in eine Paralleldimension versetzt, als am Morgen des Drehs eine der angrenzenden Straßen plötzlich einen schwedischen Namen trug.

Auch im Film »Die Whistleblowerin« von 2022 spielte das Produktionstechnische Zentrum (PTZ) ein Krankenhaus. Die Institutsschilder von Fraunhofer IPK und IWF der TU Berlin am Eingang wurden dabei nicht überklebt, ...
... weil sie im Film nicht zu sehen waren. Standbild aus dem Film, Verwendung mit freundlicher Erlaubnis der Produzentin.
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Während der Dreharbeiten zu »Die Whistleblowerin« amüsierte die Umbenennung der angrenzenden Straße die Mitarbeitenden im PTZ.

Von »Anna und die Liebe« bis zu Ranga Yogeshwar

Seinen wahrscheinlich spektakulärsten Filmeinsatz hatte das Gebäude in der Serie »Anna und die Liebe«. Für einen dramatischen Höhepunkt sprang ein Stuntman aus einem Büro des PTZ, um einen Sturz vom Dach zu simulieren. Am umfangreichsten wurde das Gebäude im ZDF-Fernsehfilm »Zwischen den Zeiten« gezeigt. Die Hauptfigur des Films ist eine Wissenschaftlerin. Nahezu alle Einstellungen, die sie an ihrem Arbeitsort zeigen, wurden 2013 in einem zweiwöchigen Dreh im PTZ aufgenommen – von Foyer-, über Büro- bis hin zu Laborszenen.

Es war nicht die einzige Gelegenheit, zu der das Gebäude als Kulisse für einen wissenschaftlichen Kontext diente. Für Julie Delpy’s Spielfilm »My Zoe« von 2018 wurde in den Laboren des Anwendungszentrums Mikroproduktionstechnik – AMP gedreht. Wissenschaftliche Mitarbeitende des Fraunhofer IPK unterstützten dabei die korrekte Darstellung von Labortätigkeiten wie Pipettieren. Und nicht nur für Spielfilme waren und sind die Räumlichkeiten des PTZ spannend: So drehte zum Beispiel Ranga Yogeshwar für seine Initiative »Start Coding – Jeder kann programmieren« einen Beitrag zum Thema Roboterprogrammierung im Versuchsfeld des PTZ.

Nicht aus allen Anfragen wurde am Ende auch ein Filmprojekt. Ein Filmteam suchte 2001 nach einem Drehort für eine Gruft – und wurde nicht fündig. Auch Ideen, das Gebäude als Drehort für die Serie »Homeland« mit Claire Danes in der Hauptrolle oder eine Neuverfilmung von »Drei Engel für Charlie« zu nutzen, wurden nicht umgesetzt. Die schönste Begründung für eine Absage lautete, der Kameramann habe sich »nicht mit der Biegung der Straße anfreunden können« – die Geschichte erzähle sich für ihn dort nicht. Auch ein Multitalent wie das PTZ passt eben nicht in jede Rolle.

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Der Film »Zwischen den Zeiten« wurde schon vor der offiziellen Premiere im Versuchsfeld des PTZ gezeigt.
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Szenen aus »Zwischen den Zeiten«, die in Besprechungsräumen des PTZ gedreht wurden. Verwendung mit freundlicher Erlaubnis des Produzenten und des ZDF.
© ZDF / Richard Hübner
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Ranga Yogeshwar beim Dreh vor den Robotern im Versuchsfeld des PTZ.

To be continued...

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