Die 1990er Jahre: Doppelter Neuanfang

Die deutsche Wiedervereinigung und ein Wechsel in der Institutsleitung prägen die 90er Jahre im Fraunhofer IPK. Mit der Berliner Mauer fiel auch manche Gewissheit im Bereich Auftragsforschung, und das Institut musste seinen Kompetenzbereich anpassen, um stabil zu bleiben. Im Jahr 1997 übernahm Prof. Eckart Uhlmann die Leitung des Fraunhofer IPK von Prof. Günter Spur. In den folgenden Jahren sollte er den Forschungsfokus des Instituts weiter verschieben.

1990: Jahre des Umbruchs im Kielwasser der Wiedervereinigung

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Die Außenstelle des Fraunhofer IPK in der Kurstraße in Berlin-Mitte
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Fünf Jahre nach seiner Gründung ein voller Erfolg: Zum Jubiläum des CIM-Technologietransferzentrums 1994 besuchte der Bundesminister für Forschung und Technologie, Dr. Paul Krüger das PTZ.

Mitarbeit am Aufbau Ost

Die Geschichte des Fraunhofer IPK in den 1990er Jahren lässt sich nicht erzählen ohne einen Blick auf die allgemeine Umbruchsituation nach Mauerfall und Wiedervereinigung. Diese Ereignisse hatten Prozesse in Gang gesetzt, die die Arbeit im Institut maßgeblich beeinflussen sollten. Zum einen beteiligte sich das Institut nach 1990 intensiv am »Aufbau Ost«. Zum anderen bewirkten die allgemeine Rezession in der Bundesrepublik sowie der Wegfall der Berlinförderung einen Strukturwandel in der Auftraggeberschaft des Instituts, der sich unmittelbar auf dessen Forschung auswirken sollte.

An Aufbauarbeit war nach der Wiedervereinigung sowohl in der Industrie als auch in der Forschung viel zu tun, und das Fraunhofer IPK war in beiden Bereichen aktiv. Von 1992 bis 1996 unterhielt das Institut eine Außenstelle in Berlin Mitte, wo Wissenschaftlerinnen und Ingenieure der ehemaligen Akademie der Wissenschaften der DDR Erfahrungen in der Projektakquisition und Zusammenarbeit mit Industriepartnern sammeln konnten. Teile der Außenstellen-Belegschaft wurden nach 1996 in das Fraunhofer IPK übernommen.

Gleichzeitig unterstützten verschiedene Initiativen ostdeutsche Produktionsbetriebe auf dem Weg in die Marktwirtschaft. Schon 1990 wurden die CIM-Technologietransferzentren um vier Standorte in Ostdeutschland ergänzt. Das seit 1988 am PTZ beheimatete CIM-TT Zentrum Berlin übernahm die Koordination und unterstützte den Aufbau der Standorte in Chemnitz, Dresden, Magdeburg und Wismar. Zudem initiierte es die Einrichtung eines »Investitionsmarkts Berlin-Brandenburg« unter der Schirmherrschaft von Bundeswirtschaftsminister Jürgen W. Möllemann. Der Investitionsmarkt sollte Investoren Informationen über die Landkreise Berlin-Brandenburgs und über zu privatisierende Unternehmen sowie technologieorientiertes Management-Know-how des PTZ vermitteln. Zur gleichen Zeit arbeitete ein Zentrum für Werkstattorientierte Programmierverfahren, im Fraunhofer IPK bekannt als »WOP-Zentrum« daran, die Programmierung von Anlagen auf dem Shopfloor mit grafisch-interaktiven Eingabemethoden zu vereinfachen. Die Angebote des Zentrums wurden nach 1990 vor allem von Interessenten aus den neuen Bundesländern angenommen.

Der wirtschaftliche Strukturwandel kommt im Fraunhofer IPK an

Bei allen Bemühungen um einen Anschub der ostdeutschen Wirtschaft: Zunächst brach die Auftragsforschung im Institut stark ein. Die Gründe sind vielschichtig. Die Westberliner Wirtschaft war jahrelang subventioniert worden, um vor allem verarbeitendes Gewerbe trotz der ungünstigen Standortbedingungen ohne Zugang zum Umland in der Stadt zu halten. Diese sogenannte Berlinförderung wurde nach 1990 rasch abgebaut, wodurch der Standort für viele Unternehmen unattraktiv wurde. Ein großer Teil wanderte nach Westdeutschland ab, vormals enge Beziehungen zum Fraunhofer IPK kamen dabei häufig zum Erliegen. Zugleich gingen mit der allgemeinen Rezession nach der Wende die Investitionen in Forschung und Entwicklung zurück.

Die Effekte lassen sich im Institut wie durch ein Brennglas beobachten: Zwischen 1992 und 1995 sank die Zahl der Beschäftigen stark ab, während gleichzeitig das Budget massiv zurückging. Ein Blick auf die auftraggebenden Branchen zeigt, dass das Institut seinen Fokus verschob, um sein Fahrwasser zu stabilisieren: Kamen die auftraggebenden Unternehmen vor 1990 vor allem aus den Bereichen Elektro- und Kommunikationstechnik sowie Maschinenbau, gewann jetzt zum Beispiel die Fahrzeugindustrie an Einfluss. Auch Branchen, die vormals nur ein geringes Auftragsvolumen erzeugten, wurden nun in den Statistiken offiziell genannt – etwa die Optik oder Luft- und Raumfahrt. Ab Mitte der 1990er Jahre stabilisierte sich auf dieser Grundlage die wirtschaftliche Lage des Instituts, und der veränderte Branchenfokus bewirkte eine spannende Erweiterung der Forschungsthemen über das Jahrzehnt hinweg. 

1992: Machine Vision oder Zukunftsvision?

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Verleihung des Fraunhofer-Preises an Dr. Bertram Nickolay, 1992
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Kamerasetup für die Analyse von Oberflächen, 1996
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Schon 1988 arbeitete man im Fraunhofer IPK an der Bildanalyse zu Zwecken der Qualitätssicherung.

Oberflächlich ausgezeichnet

Schon in den 1970er Jahren hatten Mitarbeitende des IWF der TU Berlin mit Sensoren wie Kameras die Erkennung von Objekten erprobt, noch bevor Computer in der Lage waren, die so gesammelten Daten zu speichern und auszuwerten. Der Grund für ein produktionswissenschaftliches Institut, sich mit dem Thema zu befassen, ist naheliegend: Für die zunehmende Automatisierung beispielsweise in der Automobilindustrie mussten Industrieroboter und andere Anlagen selbstständig Teile lokalisieren, identifizieren und bewegen. Auch in den Projekten des Fraunhofer IPK wurde die Bildauswertung zunächst als Teilbereich der Sensortechnik gesehen und für einfache Handhabungsprozesse eingesetzt. Beispiele waren die Höhenmessung und Lagebestimmung gestapelter Werkstücke mit zwei an einem Industrieroboter montierten Kameras oder der sogenannte »Griff in die Kiste«, bei dem Objekte im Extremfall ungeordnet übereinanderliegen und sich in Kameraaufnahmen überlappen.

Mit besseren Kameras und leistungsfähigeren Computern erweiterten sich in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren auch die Anwendungsbereiche der Technologie rasant. Unter Leitung von Dr. Bertram Nickolay wurde am Fraunhofer IPK eine Abteilung für die Mustererkennung eingerichtet, die sich mit der automatisierten Bildauswertung beschäftigte, auch in der Qualitätssicherung. Für seine Promotion zu einem mittels überwachten maschinellen Lernens trainierten »Belehrbaren Bildauswertungssystem zur Beurteilung von Materialoberflächen und Erkennung von Oberflächenfehlern« wurde Dr. Nickolay 1992 der Joseph-von-Fraunhofer-Preis überreicht – der zweite für das Fraunhofer IPK.

Lights, Camera, Action!

Praktische Anwendungen für die fortschrittlichen Methoden ließen nicht lange auf sich warten: Von der Inspektion von Kanalsystemen mit Robotern über die Qualitätsprüfung von Teilen aus Gießprozessen bis zur Unterstützung der Diagnose im Deutschen Herzzentrum war das Team von Dr. Nickolay gefragt. Dabei wurde aktiv der Kontakt in die Praxis außerhalb der Produktion gesucht. Für die Forschenden war klar: Ihre Systeme zur industriellen Bildverarbeitung hatten das Potenzial, aus der Produktion heraus in andere Bereiche übertragen zu werden, da sie in der Lage waren, nahezu beliebige Muster zu erkennen und zu analysieren.

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1994 funktionierte die Kennzeichenerkennung an Zufahrtsschranken schon sehr solide: Die in einem Projekt für Parkhäuser entwickelte Software wertete Kennzeichen innerhalb von ein bis zwei Sekunden aus.
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Echt oder gefälscht? Um die Echtheit von Unterschriften auf Pässen, Schecks und Vertragsdokumenten zu prüfen, setzten Banken und Behörden auf Bildauswertungssysteme aus dem Fraunhofer IPK.

Die Mustererkennung fand in Form der Optical Character Recognition (OCR) so auch immer mehr Einzug in alltägliche Fragestellungen. Pkw-Kennzeichen in Parkhäusern automatisch zu erkennen, schaffte das System des Fraunhofer IPK in ein bis zwei Sekunden. Projekte zu Fälschungssicherung, Unterschriftenprüfung und Fingerabdruckidentifikation waren ebenfalls überaus erfolgreich: Als strategischer Partner von Banken und Behörden wie dem Bundeskriminalamt war das Institut jahrelang an wichtigen Entwicklungen in der Sicherheitstechnik beteiligt. Dass mit Dr. Nickolay und seiner Abteilung ein neuer Schwerpunkt für die Forschung des Instituts entstanden war, sollte sich noch bis in die 2010er Jahre auswirken – mit Projekten wie der Rekonstruktion von Kulturgütern, die weltweit Anwender fanden.

1992 Simulation auf allen Produktionsebenen

Dem realen Prozess virtuell vorgreifen

Modellierung und Simulation sind heute unverzichtbare Werkzeuge in der Produktion. Von der Absicherung von Bearbeitungsvorgängen über die Einrichtung von Prozessketten bis zur Abbildung komplexer Unternehmensstrukturen unterstützen sie Abläufe auf allen industriellen Hierarchieebenen. Eigenschaften und Verhalten von Systemen werden damit ohne aufwändige Versuche in der Realität erfasst und optimiert, komplexe Zusammenhänge nachvollziehbar visualisiert.

Vor diesem Hintergrund ist es wenig überraschend, dass in einem Institut mit starkem Digitalfokus der weite Themenbereich »Simulation« frühzeitig ein bestimmendes Tätigkeitsfeld wurde. Seit den 1980er Jahren finden sich in den Jahresberichten des Instituts Beschreibungen von Forschungsarbeiten zu Simulationsthemen quer über alle Fachbereiche des Instituts hinweg. Aus der Vielzahl der Aktivitäten zur Simulation von Fertigungsprozessen sei eine beispielhaft hervorgehoben: Anfang der 1990er Jahre war das Institut in der Lage, den kompletten Prozess des automatisierten Lackierens von Karosserien virtuell abzubilden und entsprechende Lösungen in der Fahrzeugindustrie zu implementieren. Die entwickelten Technologien wurden Teil des »RobCAD Painting Module« des israelischen Unternehmens Tecnomatix und gelangten darüber später in die Product Lifecycle Management Software der Firma Siemens. 

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Steuerungssimulator, 1986: Auf diesem Gerät konnte für die Firma Traub entwickelte Steuerungssoftware so getestet werden, als würde sie auf der realen Maschine ausgeführt.
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Die Dissertation von Dr. Xiaoyi Liu zur Simulation des pneumatischen und elektrostatischen Lackierprozesses wird 1992 mit dem Carl-Ramsauer-Preis der AEG ausgezeichnet.
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Mit der Lackiersimulation LAROS konnte die geeignete Prozessstrategie für eine optimale Lackverteilung ermittelt werden.

Unterschiedliche Kompetenzbereiche des Instituts spielten in diesen Themenkomplex hinein, etwa die Konstruktionstechnik und Robotik. Ein Teilbeitrag aus letzterem Bereich wurde preisgekrönt: Dr. Xiaoyi Liu erhielt für seine Dissertation zum pneumatischen und elektrostatischen Lackierprozess 1992 den Carl-Ramsauer-Preis der AEG. Die Begründung für die Auszeichnung: Simulation integriert Domänenwissen aus unterschiedlichen Bereichen, sie bringt physikalische, chemische oder mechanische Aspekte mit informationstechnischen Werkzeugen zusammen. Dr. Xiaoyi Liu gelang es wegweisend, die Gebiete Strömungstechnik, elektrische Feldtheorie, Informatik und praktische Anwendung in der Industrie in Einklang zu bringen. Seine Methode wurde industriell in der Offline-Programmierphase von Lackierrobotern angewendet, um eine gleichmäßigere Lackschicht zu erreichen, die Lackiereffizienz zu steigern und Lackfehler zu vermeiden.

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Für die Planung einer hochmodernen flexiblen NC-Fertigungshalle bei MBB in Donauwörth wurde in den 1980er Jahren das Simulationssystem MOSYS entwickelt.
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MO²GO-Modelle übertragen die Strukturen, Dienste, Prozesse und Daten eines Unternehmens in ein integriertes Unternehmensmodell und stellen die verfügbaren Daten gezielt bereit. Mit wenigen Notationselementen macht MO²GO die Modelldarstellung leicht verständlich.
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Schulung im Demonstrationszentrum Simulation in Produktion und Logistik, 1995. Auf dem Bildschirm an der Wand ist ein Unternehmensmodell in MO²GO zu sehen.

Modellierung und Simulation von Fabrikabläufen

Auf einer höher gelagerten Ebene bewegte sich das »Demonstrationszentrum Simulation in Produktion und Logistik«, das im September 1994 feierlich am Fraunhofer IPK eingeweiht wurde. Unter der Leitung von Dr. Kai Mertins hatte ein Forschungsteam in den 1980er Jahren das Simulationssystem MOSYS entwickelt, mit dem komplexe Fertigungssysteme für ganze Fabrikhallen geplant werden konnten. Im Rahmen von CIM entstand die Idee, nicht nur den Materialfluss im Fabriklayout, sondern auch die umgebenen Abläufe in ihren Abhängigkeiten zu modellieren – vom Auftragseingang über die Materiallogistik und Fertigung bis zum fertigen Teil, inklusive der korrespondierenden Teilbereiche und Funktionsgruppen im Unternehmen. Kommerziell am Markt verfügbare Systeme der Zeit waren dazu nicht in der Lage, da sie die erforderliche Prozessvernetzung nicht abbilden konnten. Als 1986 im Rahmen einer umfassenden Studie zum Stand der CIM-Technologie für den Automobilhersteller VW Prozesse im Unternehmen modelliert werden sollten, wurde daher der Grundstein für die integrierte Unternehmensmodellierung (IUM) mit dem Modellierungstool MO²GO gelegt. In den Folgejahren unterstützte das Fraunhofer IPK auf dieser Basis zahlreiche Unternehmen dabei, ihre Unternehmensprozesse zu erfassen und zielgerichtet zu optimieren. 

Das Demonstrationszentrum machte sich ab 1994 zur Aufgabe, Lösungen und Technologien für Simulation einem breiteren Anwenderkreis zugänglich zu machen. Dazu wurden nicht nur Schulungen auf verschiedenen gängigen Simulationssystemen angeboten, sondern auch Planspiele durchgeführt. Sie halfen Unternehmen, unter Nutzung von Simulationstechniken Schwächen in ihren Abläufen zu identifizieren und zu beheben. Das interaktive Planspiel LIFE!, in dem die Teilnehmenden eine Bohrmaschinenfertigung nach unterschiedlichen Ablauflogiken organisieren, bildete die Grundlage für die Serious Games, die bis heute im Fraunhofer IPK auf immer neue gesamtwirtschaftliche Umgebungsbedingungen angepasst werden – zuletzt auf die Erfordernisse der Kreislaufwirtschaft, zur Implementierung von digitalen Produktpässen oder zur Entwicklung und dem Training von resilienten Unternehmensprozessen. 

1992: Schnittstelle zur Industrie

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Bereits ab 1989 arbeiteten in dieser flexiblen Montagezelle im Versuchsfeld des PTZ Industrieroboter verschiedener Hersteller zusammen. Für den flächendeckenden Einsatz solcher Anlagen in der Industrie musste auch die Simulation ihrer Arbeitsabläufe verlässlich funktionieren.
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In RRS I war das Ziel noch eine Kopplung der heterogenen Steuerungs- und Simulationssysteme für Industrieroboter, …
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… während RRS II bereits ein nahezu vollständiges virtuelles Modell der Robotersteuerungen in die Simulation integrierte.

Zwischen Roboterboom und Realität

Die gemeinsame Entwicklung, praktische Erprobung und Einführung innovativer Technologien mit einzelnen Unternehmen war schon immer ein zentraler Teil der Arbeit im Fraunhofer IPK. In den 1990ern sorgte seine Strahlkraft in der Region, in Deutschland inklusive der neuen Bundesländer, aber auch international dafür, dass das Institut als Koordinator großer Projektkonsortien aktiv wurde. Stellvertretend für diese Entwicklung steht das Projekt »Realistische Roboter Simulation (RRS)«.

Am Computer zu planen, was in der realen Automobilproduktion millimetergenau und tausendfach funktionieren muss, ist nur durch exakte digitale Modelle von Industrierobotern und ihren Steuerungen möglich. Die verfügbare Simulationssoftware war Anfang der 1990er Jahre dazu nur unzureichend in der Lage, denn auf die steuerungsinternen Algorithmen und damit das Know-how der Hersteller hatten die Programme keinen Zugriff. Bewegungspfade in der Simulation stimmten daher oft nicht mit den real durch die Steuerung berechneten Bewegungen überein, Taktzeiten wichen bis zu 30 Prozent von der Planung ab. Ein gemeinsamer Standard musste her. So entstand die Idee zur Entwicklung der RRS-Schnittstelle. 

Bis heute Standard

Als Koordinator des von neun großen Autobauern (Audi, BMW, Ford, Mercedes Benz, Opel, Peugeot, Citroen, Renault und VW) initiierten Entwicklungsprojekts war das Fraunhofer IPK perfekt geeignet. Seine Teams aus Berlin pflegten bereits seit vielen Jahren intensive Kontakte zu Roboter- und Steuerungsherstellern wie KUKA, Reis Robotics und Siemens. 1994 veröffentlichte das RRS I-Konsortium die erste Version der neuen Schnittstelle, mit der bereits sechs verschiedene Robotersteuerungen mit vier unterschiedlichen Simulationsprogrammen gekoppelt und die Abweichungen von Achssollwerten und Zykluszeiten massiv reduziert werden konnten. Gleichzeitig wurden so Systeme verschiedener Hersteller kompatibel, ohne dass die Hersteller ihren genauen Aufbau an Konkurrenten preisgeben mussten. Bereits 1996 war aus RRS I ein Industriestandard geworden. 

Weil die eigentlichen Bewegungsphasen der Industrieroboter nur etwa 40 Prozent der Taktzeiten ausmachten, waren interne Abläufe in der Steuerung wie Interrupts, Logik-, Ein- oder Ausschaltverhalten ebenfalls für Abweichungen verantwortlich. Um diese Prozesse zu simulieren, sollte in RRS II nun sogar eine nahezu vollständige Abbildung der Steuerungen in der Simulation folgen. Dass dies gelingen kann, hatten die Forschenden vom Fraunhofer IPK bereits im Projekt ROTEX für Raumfahrtanwendungen gezeigt. Für die Entwicklung des Virtual Robot Controller Interface (VRC) wurde das Konsortium um Partner aus der Roboterherstellung, Software- und Steuerungsentwicklung erweitert. Insgesamt waren über 35 Firmen beteiligt, die über viele Jahre gemeinsam an der Weiterentwicklung der Schnittstelle forschten. 

Das Projekt wirkt lange nach: RRS I ist in Version 1.3 immer noch gültig.

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Koordiniert durch das Fraunhofer IPK wurden sämtliche Interessengruppen einbezogen: von Automobil- über Roboterherstellern bis zu Steuerungs- und Softwareentwicklern.

1992: Informationszentrum Benchmarking

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Workshop im Informationszentrum Benchmarking in den 1990er Jahren
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Dr. Robert Camp bei der Benchmarking-Tagung 1995

Gut verglichen ist halb geplant

Vergleiche sind ein ständiger Begleiter wissenschaftlicher Arbeit. Wer eine neue Technologie entwickelt, schaut zunächst auf den Stand der Forschung. Wer den Auftrag erhält, Prozesse zu verändern oder neue Lösungen in der Industrie zu implementieren, prüft, wie es andere machen. So auch der Bereich Planungstechnik am Fraunhofer IPK: Seit den frühen Tagen der Abteilung waren bei der Planung von Fabrikanlagen vergleichbare Unternehmen wichtige Orientierungspunkte. Bei der bereits im Simulationskontext erwähnten Studie für VW zum Stand von CIM 1986 wurde das Vergleichen auf die Spitze getrieben: Ein Team von rund 30 Fachleuten aus dem Fraunhofer IPK und von VW gedas verbrachte mehr als ein Jahr damit, alle wichtigen Automobilfirmen der Welt zu besuchen und deren Produktionsmethoden zu untersuchen.

Eine Herausforderung in diesem Zusammenhang ist, dass nicht alle Fabrikplaner und -organisatorinnen in Unternehmen die Daten, die man für systematische Vergleiche braucht, bereitwillig teilen. Das Informationszentrum Benchmarking (IZB), das 1994 als erste Einrichtung seiner Art in Deutschland unter der Leitung von Gunnar Siebert und Stefan Kempf an den Start ging, wollte dem mit einem eigenen Angebot begegnen: Das von den Gründern entwickelte prozessorientierte Benchmarking sollte Best Practice Wissen generieren und teilen. Im gleichen Jahr wurde das Global Benchmarking Network (GBN) gegründet – zunächst als Zusammenschluss des IZB mit den Benchmarking-Zentren in den USA und Schweden.

Vom BenchmarkIndex zum Wissensmanagement

Benchmarking als Managementmethode ist die Suche nach Lösungen, die auf den besten Methoden und Verfahren der Industrie, den »Best Practices«, basieren. Das Einsatzgebiet erstreckt sich von der Optimierung von Geschäftsprozessen bis zur umfassenden Unterstützung bei der strategischen Ausrichtung von Unternehmen. Das junge IZB genoss in der wissenschaftlichen Community schnell einen so guten Ruf, dass schon im zweiten Jahr seines Bestehens ein prominenter Vertreter der Disziplin am Fraunhofer IPK begrüßt werden konnte: Im Rahmen einer Benchmarking-Konferenz am Institut bot der Benchmarking-Pionier Dr. Robert Camp einen Workshop an. Ein Meilenstein des IZB war die Entwicklung des BenchmarkIndex durch Holger Kohl im Rahmen des europäischen Pilotprojektes REACTE von 1999 bis 2001, ein Datenbankvergleich mit über 100 000 kontinuierlich aktualisierten Datensätzen. Dieser Vergleich ermöglicht es Unternehmen, eigene Kennzahlen auf nationaler und internationaler Ebene mit denen anderer Firmen zu vergleichen. Sowohl das Prozessbenchmarking als auch der BenchmarkIndex gehörten schnell zum Standardrepertoire für Best Practice Vergleiche, nicht nur in Deutschland. 

Mit der Systematisierung der Benchmarking-Aktivitäten begann der Planungsbereich unter Kai Mertins, der inzwischen Professor geworden war, sein Portfolio von der Planung von Produktionsstätten in den Bereich der Managementmethoden zu erweitern. Schon 1997 folgte die Gründung des Competence Center Wissensmanagement (CCWM). Wissen gehört zu den wertvollsten immateriellen Ressourcen von Unternehmen, dessen Bedeutung sich häufig erst dann offenbart, wenn es verloren geht: Treten langjährige Mitarbeitende in den Ruhestand ein, verlieren Unternehmen einen reichen Schatz an Erfahrungswissen. Dieses intellektuelle Kapital zu systematisieren und zu bewahren, ist die Mission des CCWM, das heute von Dr. Markus Will geleitet wird.

Ein wichtiges Tool des CCWM ist die Wissensbilanzierung. Bis 2004 im Rahmen des Pilotprojekts »Wissensbilanz – Made in Germany« im Hinblick vor allem auf die Anforderungen von mittelständischen Unternehmen entwickelt, dient sie dazu, Wissensmanagement (WM) an die Unternehmens- und Geschäftsstrategie zu koppeln sowie die Wirksamkeit und Zielerreichung von WM-Maßnahmen kontinuierlich zu überprüfen. Die Softwareanwendung »Wissensbilanz-Toolbox« unterstützt den Prozess.

© Fraunhofer IPK / Gerold Baumhauer
Dr. Markus Will leitet einen Wissensbilanz-Workshop im Institut an, 2010

1995: Volle Fahrt voraus!

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Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann und Institutsleiter Professor Spur beim Gespräch im ICC Berlin während des Produktionstechnischen Kolloquium 1995
© Stadtarchiv Hennigsdorf
Technologiezentrum Verkehrstechnik (TZV) in Hennigsdorf bei Berlin

Verkehrstechnik für die Region

Die Bahnreform, die Modernisierung der Infrastruktur in den neuen Bundesländern, Digitalisierung und Debatten um die Umweltauswirkungen des Personenverkehrs – die Verkehrstechnik war ein Fokusthema der 1990er Jahre, auch im Fraunhofer IPK. Beim Produktionstechnischen Kolloquium 1995 zum Thema »Management und Produktion für Umwelt und Verkehr« im Messezentrum ICC Berlin setzten sich Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann, das Institut und die anwesenden Industriepartner das Ziel, alle Verkehrsträger zu einem integrierten System zu vernetzen. Im Bereich der Telematik, zum Beispiel bei Verkehrsplanung und -überwachung, prognostizierte das Verkehrsministerium Investitionen von 80 Milliarden DM bis 2010. Die Tragweite dieser Entwicklung erkannte auch ADTranz (ABB Daimler Benz Transportation, damals der größte Schienenfahrzeughersteller der Welt) und schlug für die Umsetzung den Standort Hennigsdorf nördlich von Berlin vor. Im neuen Technologiezentrum Verkehrstechnik (TZV) sollten Unternehmen und Forschungseinrichtungen gemeinsam innovative Lösungen entwickeln und so auch die Unternehmen der Region nachhaltig stärken. Gemeinsam mit 28 weiteren Dienstleistern bezog die Gruppe Verkehrstechnik des Fraunhofer IPK 1996 das TZV.

Mit dem Ziel, die Kooperation zwischen den vielen Zulieferunternehmen und so ihre Marktposition zu verbessern, begannen die Forschenden, Vernetzungsdatenbanken aufzubauen. Im regionalen Netzwerk ProNetz waren Ende der 1990er knapp 850 Unternehmen vertreten, die bedarfsweise zu Verbünden oder Interessengruppen wie Werkzeugbau oder Mess- und Prüftechnik zusammengefasst werden konnten, denen aber vor allem Hinweise zu möglichen Projektbeteiligungen auf regionaler und europäischer Ebene gegeben wurden. EU-weite Zulieferbeziehungen und Forschungskooperationen koordinierte das Fraunhofer IPK im Projekt TransTech, um die beteiligten Firmen dabei zu unterstützen, nicht mehr nur Einzelteile zu fertigen, sondern Systemzulieferer zu werden. Neben technologischen Lösungen wurde mit eLearning-Lösungen auch die Fachkräftebildung in den KMU der Region unterstützt.

Ein Griff ins Klo?

Auch an innovativen Projekten zur Verkehrstechnik beteiligten sich die Forschenden vom Fraunhofer IPK vielfach – obwohl nicht jedes von langfristigem Erfolg gekrönt war. Als die Zusammenarbeit mit CargoLifter 1999 begann, hatte das Luftschiff-Startup gerade den Spatenstich für seine Werft in Brandenburg gefeiert. Unter anderem unterstützte das Fraunhofer IPK CargoLifter bei der Zuliefersuche und vertrat das Unternehmen auf einer Luftfahrtmesse in Moskau. 2002 stellte CargoLifter einen Insolvenzantrag, seit 2004 beherbergt die Werft als größte freitragende Halle der Welt einen Freizeitpark.

Egal ob im Luftschiff, Flugzeug oder Zug, Nasszellen mit WC werden in vielen Verkehrsmitteln benötigt. So koordinierte das Fraunhofer IPK im »Lavatory Design Project« mit zahlreichen Unternehmen aus Berlin und Brandenburg die Entwicklung des Verkehrsmittel-WC der Zukunft. Auf der ILA 2000 konnte die futuristisch anmutende Zelle mit einem Design der Fachhochschule Potsdam dem Bundeswirtschaftsminister Werner Müller und dem Regierenden Bürgermeister Diepgen präsentiert werden.

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Die futuristische Nasszelle, entstanden im vom Fraunhofer IPK koordinierten »Lavatory Design Project«
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GPS-Geräte erfassen die Verkehrssituation am Boden …
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… und Helikopter prüfen die Fahrzeugdichten aus der Luft.
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In der Verkehrsleitzentrale im PTZ Berlin laufen die gesammelten Daten zusammen und werden ausgewertet.

Athen, Hannover, Hennigsdorf!

Mit dem Bereich der Telematik rückte auch die Verkehrsplanung in Echtzeit in den Vordergrund. Bei der Erprobung der Floating Car Data-Technologie lieferten Stichprobenflotten über ihre GPS-Geräte den aktuellen Verkehrszustand der befahrenen Berliner Straßenabschnitte an die Verkehrszentrale im Fraunhofer IPK, in der aus den Einzelmeldungen die Gesamtverkehrslage berechnet werden konnte. Mithilfe von Bildverarbeitungswerkzeugen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) konnten die Forschenden außerdem erstmals Fahrzeugdichten und Verkehrsdaten aus von einem Helikopter erstellten Luftaufnahmen ableiten. Einsatz fand die FCD-Technologie schnell bei internationalen Großereignissen: Bei den olympischen Spielen in Athen 2004 und im Raum Hannover während der Fußball-WM 2006 wurden die dortigen Verkehrsleitzentralen unterstützt.

1996: Weltweit aktiv

© Fraunhofer IPK / Bernd Bresien
Die 40. CIRP General Assembly in Berlin 1990 tagte unter anderem in der Kongresshalle.

Auf der internationalen Bühne

Der Auftrag der Fraunhofer-Gesellschaft ist die Unterstützung der deutschen Wirtschaft – und dieser Auftrag führt die Fraunhofer-Institute mitunter weit über die Landesgrenzen hinaus, in jeden Winkel des Globus. Die Gründe können sehr unterschiedlich sein: Mal geht es darum, den Boden für ein Engagement deutscher Industrien im Ausland zu ebnen, mal darum, deutsche Unternehmen im Ausland zu unterstützen. Auch von internationalen Partnern zu lernen oder globale Herausforderungen gemeinsam zu adressieren, kann ein Aufhänger sein.

Abgesehen davon ist Fraunhofer Teil der wissenschaftlichen Community, und diese ist weltweit vernetzt. Die Internationale Akademie für Produktionstechnik CIRP etwa, der renommierteste Zusammenschluss von Fertigungsforschenden, umfasst Mitglieder aus aktuell 41 Ländern. Seine jährliche Generalversammlung tagte 1990 zum bisher einzigen Mal in Berlin und zwar am PTZ. Ausgerechnet im Jahr der Wiedervereinigung und zur 40. Ausgabe der Veranstaltung – ganz besondere Rahmenbedingungen für die Konferenz. 

© Fraunhofer IPK / Bernd Bresien
40. CIRP General Assembly in Berlin 1990 in der Kongresshalle...
© Fraunhofer IPK / Bernd Bresien
...im Lichthof der TU Berlin...
© Fraunhofer IPK / Bernd Bresien
...und im Produktionstechnischen Zentrum

Fünf Jahre später, im November 1995, verlieh die Computer and Automated Systems Association of the Society of Manufacturing Engineers (CASA/SME) dem PTZ ihren LEAD Award. Der Preis für »Leadership and Excellence in the Application and Development of Computer Integrated Manufacturing« ehrte die besondere Verbindung von industrienaher Forschung und Entwicklung, Grundlagenforschung sowie Lehre an IWF und Fraunhofer IPK.

© Fraunhofer IPK / Larissa Klassen
Der LEAD Award der Computer and Automated Systems Association of the Society of Manufacturing
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Im German Center in Jakarta hatte das Fraunhofer Representative Office FRO seinen Sitz.

Von Berlin nach Jakarta

Das erste umfassende Auslandsengagement des Fraunhofer IPK bestand seit den 1980er Jahren in einer Zusammenarbeit mit Indonesien. Zunächst hatte das Institut Forschungs- und Entwicklungsprojekte vor Ort unterstützt, dann mit einem jährlichen Indonesientag im Rahmen der Berliner Asien-Pazifik-Wochen für ein stärkeres Engagement deutscher Unternehmen in Indonesien als dem bevölkerungsreichsten Staat im asiatisch-pazifischen Raum geworben. In den 1990er Jahren war es maßgeblich an der Gestaltung eines nationalen produktionstechnischen Forschungsinstituts beteiligt, dem Mesin Perkakas Produksi Automatisasi (MEPPO) in Bandung.

Um diese Aktivitäten zu vertiefen, gründete das Fraunhofer IPK Anfang der 1990er Jahre ein Projektbüro in Jakarta. Über diese Niederlassung war das Institut Mitte der 1990er Jahre an einem Großprojekt beteiligt, dessen Ziel es war, ein »nationales Auto« für Indonesien zu fertigen: Ab 1996 unterstützte ein Team aus dem Bereich Planungstechnik von Prof. Kai Mertins die Planung der Autofabrik TIMOR in Jakarta. 1999 wurde das Projektbüro in das Fraunhofer Representative Office FRO Indonesia umgewandelt, die Wirtschaftskrise 2008 beendete das strategische Engagement des Fraunhofer IPK in Indonesien. 

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Ab 2008 unterstützte das Fraunhofer IPK das Dubai Institute of Technology (DIT) bei der Gestaltung eines Technologieparks.
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Von Technologieparks und Innovationssystemen

Die Gründung des MEPPO eröffnete dem Fraunhofer IPK ein Tätigkeitsfeld, das bis heute ein maßgebliches Standbein des Instituts ist: Die Gestaltung nationaler Innovationssysteme. Die deutsche Bundesregierung hatte die Gründung finanziell unterstützt und wollte danach erheben, wie der Entwicklungsstand der Industrie vor Ort war und wie man ihre Weiterentwicklung im Interesse deutscher Unternehmen regionsspezifisch unterstützen konnte. Daraus folgte der Auftrag, einen Forschungsplan für Indonesien zu erstellen.

Zur Lösung dieser Aufgabe entwickelte das Institut eine Methode, die später in verschiedenen Ländern angewendet wurde, etwa in Vietnam und Ägypten. Den Gipfel erreichten diese Aktivitäten mit dem Aufbau einer umfassenden Forschungslandschaft in Brasilien ab den 2010er Jahren. Aber auch Innovationslandschaften in kleinerem Maßstab wurden entwickelt, etwa Technologieparks in Dubai und Sharjah

1997: Neue Institutsleitung

© Fraunhofer IPK / Bernd Bresien
Feierliche Amtsübergabe an Professor Eckart Uhlmann am 1. September 1997
© Fraunhofer IPK / Bernd Bresien
© Fraunhofer IPK / Eckart Uhlmann
Schon vor seinem Amtsantritt entwickelte Professor Uhlmann seine Vision von der durchgehenden Virtualisierung von Produktionsunternehmen, wie er sie im Fraunhofer IPK verwirklichen wollte: Mit digitalen Werkzeugen werden alle Entitäten und Prozesse eines Unternehmens modelliert und simuliert. Daraus ergibt sich ein vollständiges virtuelles Abbild (heute würde man sagen: ein Digitaler Zwilling) des Unternehmens. Mithilfe dieses Zwillings lassen sich Vorgänge im realen Unternehmen planen, analysieren, steuern und optimieren.

Generationenwechsel

Das Jahr 1997 markiert eine Zäsur in der Geschichte des Fraunhofer IPK: Am 1. September trat Professor Eckart Uhlmann die Nachfolge von Professor Günter Spur als Institutsleiter an. Gleichzeitig übernahm er die Leitung des Fachgebiets Werkzeugmaschinen und Fertigungstechnik am IWF der TU Berlin. Professor Uhlmann hatte bei Professor Spur studiert und promoviert, ehe er als Prokurist mit Verantwortung für die Bereiche Forschung und Entwicklung, Anwendungstechnik und Patentwesen Erfahrungen in der Industrie sammelte.

Der Wechsel in der Führungsebene läutete eine grundlegende Neuausrichtung des Instituts ein. Das war zu diesem Zeitpunkt dringend erforderlich. Sowohl die Organisation und die Arbeitsgebiete des Fraunhofer IPK als auch die zugehörige Anlagentechnik waren Ende der 1990er in die Jahre gekommen. Die Orientierung der Forschungsaktivitäten in den Bereichen Steuerungs-, Roboter-, Konstruktions- und Planungstechnik war in den ersten zehn Institutsjahren zwar äußerst erfolgreich gewesen, passte 1997 aber nicht mehr zu den aktuellen Bedarfen der Industrie und wurde immer weniger nachgefragt. Von der Wirtschaftskrise nach 1990 hatte das Fraunhofer IPK sich daher nicht erholt, die Finanzsituation des Hauses war angespannt geblieben.

Neue Kompetenzfelder, Stärkung bestehender Arbeitsgebiete

Der Berufung von Professor Uhlmann waren intensive Verhandlungen um die Frage vorangegangen, welche Rahmenbedingungen es erfordern würde, das Institut zu seiner alten Spitzenposition in der Forschungslandschaft zurückzuführen. Der designierte Institutsleiter hatte dem Vorstand der Fraunhofer-Gesellschaft und dem Berliner Senat ein umfassendes Strategiekonzept unterbreitet, wie sich unter Nutzung bestehender und aufzubauender neuer Kompetenzen im Institut neue Arbeitsfelder mit hoher wirtschaftlicher Relevanz entwickeln ließen. Vier Arbeitsbereiche mit hohem interdisziplinären Querschnittscharakter aller Kompetenzbereiche des Instituts bildeten den Kern der vorgeschlagenen strategischen Neuausrichtung. Darin wurden der Virtualisierung von Produkt- und Prozessentwicklung im gesamten Lebenszyklus, der Produktion in globalisierten Unternehmen, der Medizin- und Biotechnologie sowie der Verkehrstechnik höchste Potenziale beigemessen, das Fraunhofer IPK erfolgreich in die Zukunft zu führen. Sie lassen sich herunterbrechen auf die Vorschläge, die Tätigkeitsfelder Produktentwicklung sowie Fabrikplanung mit Produktionsmanagement, -planung und -steuerung neu auszurichten, das Tätigkeitsfeld Verkehrstechnik zu erweitern und ein Tätigkeitsfeld Medizintechnik neu aufzubauen.

Den Plänen wurde schließlich zugestimmt: Der Berliner Senat und die Fraunhofer-Gesellschaft bewilligten umfangreiche Sondermittel für die Modernisierung des Instituts. Insgesamt 21 Millionen DM stellten der Senator für Wissenschaft, Forschung und Kultur, Peter Radunski, sowie der Fraunhofer-Vorstand für Geräteinvestitionen, die Fortentwicklung und Stärkung bestehender Arbeitsgebiete sowie die Ausstattung neu zu entwickelnder Forschungsfelder zur Verfügung.

Vision: durchgehende digitale Prozessketten

Mit dieser Ausstattung begann ab 1998 der Umbau des Instituts. Integration als Alleinstellungsmerkmal, so lautete das Zielbild, das dabei verfolgt wurde. »Unternehmen von der Produktidee über die Produktentwicklung bis hin zur Produktherstellung mit innovativen Methoden und Verfahren zu unterstützen sowie das dafür notwendige industrielle Fabrikumfeld zu gestalten, ist erklärtes Ziel des Fraunhofer IPK«, so wurde die Mission des Instituts im Jahresbericht 1999 beschrieben.

Was sich dahinter damals schon verbarg, ist im Denkansatz nicht weniger als das Ideal der »digital integrierten Produktion«, welches das Institut heute verfolgt. Beim Institutsleitungswechsel 1997 standen die Tätigkeitsfelder des Fraunhofer IPK noch weitgehend nebeneinander. Der neue Forschungsansatz sah vor, für die Industrie notwendige daten- und IT-technische Verbindungen von der Produktentstehung über die Fabrik- und Fertigungsorganisation bis hin zur Produktherstellung selbst zu schaffen und im Forschungsangebot des Fraunhofer IPK abzubilden. Zusätzlich wurde in Angriff genommen, produktionstechnisches Know-how in Bereiche wie Verkehr und Medizin zu übertragen.

Die konsequente Umsetzung dieser Strategie und ihre Abbildung in einer Überarbeitung der organisatorischen Struktur des Instituts bildeten die Basis, auf der das Fraunhofer IPK sich in den Folgejahren zu einem der führenden Fraunhofer-Institute entwickelte. 

Dreiklang Fertigungstechnologien, Werkzeugmaschinen und Werkzeuge

Um den organisatorischen Unterbau für die Neuorientierung der Forschung zu schaffen, wurden die Abteilungen und Arbeitsgruppen des Fraunhofer IPK in sechs Fachbereiche fokussiert, die die gesamte Prozesskette industrieller Fertigungsbetriebe abbildeten und verstärkt interagieren sollten. Dabei entstand erstmals in der Institutsgeschichte auch ein Bereich, der sich mit der Entwicklung, dem Einsatz und der Anpassung von Produktionsanlagen und Fertigungstechnologien befasste. In den ersten Jahren noch auf Werkzeug- und Formenbau konzentriert, entwickelte sich daraus in kurzer Zeit ein Bereich »Produktherstellung«, der seither neue Bearbeitungsstrategien und -technologien sowie die dazu passende Werkzeug- und Maschinentechnik entwickelt, bestehende Verfahren und Anlagen optimiert oder an neue Rahmenbedingungen angepasst – etwa die Bearbeitung neuartiger Hochleistungswerkstoffe – sowie zukunftsorientierte Werkzeugkonzepte realisiert. Und das sowohl für die Makrofertigung als auch für Mikroproduktionstechnik, die bald darauf zu einem Aushängeschild des Instituts werden sollte. 

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Im IWF wurden Mikrowerkzeuge patentiert, die dann im Fraunhofer IPK angewendet wurden.
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Vollkeramisches Fräswerkzeug aus dem Bereich Produktionssysteme

1998: Das virtuelle Produkt

»Das virtuelle Produkt«: Nachdem Professor Spur und Professor Krause bereits 1984 mit »CAD-Technik« einen Meilenstein veröffentlicht hatten, erschien 1997 die erfolgreiche Fortsetzung und wurde schnell zum Standardwerk.

Produktentstehung für das nächste Jahrtausend

Anfang der 1990er Jahre war die Situation auf dem CAx-Markt klar: Obwohl Forschungsprojekte wie APS und in Berlin entstandene Programme wie COMVAR und COMPAC in den 1970ern und 1980ern maßgebliche Impulse sowohl in der 2D- als auch in der 3D-Modellierung gesetzt hatten, dominierten vor allem die ressourcenstärkeren US-Softwarehersteller mit ihren Systemen. »Deutsche CAD-Anbieter muss man mit der Lupe suchen«, schreibt 1994 beispielsweise die Computerwoche in einem Artikel zum Verbundprojekt »CAD-Referenzmodell« von Fraunhofer IPK sowie zwölf Industriepartnern und Universitäten. Zukunftsorientierte, flexible und computerunterstützte Produktentwicklung, menschengerechte Arbeits- und Technikgestaltung, schneller und kosteneffizienter qualitativ hochwertige Produkte auf den Markt bringen, Produktdatenmanagement (PDM) – das waren die Schlagworte.

Die Vision der Forschenden: Systeme für »Das virtuelle Produkt«. Aus 2D-Bearbeitung wird 3D-Verarbeitung, aus Geometriemodellen werden virtuelle Produktmodelle, mit deren Hilfe nun alle Aufgaben der Prozessketten unterstützt werden sollten. Der Begriff »virtuell« sollte dabei nicht nur digital bedeuten: Für Professor Frank-Lothar Krause waren hier auch über das Internet vernetzte und global verteilte Unternehmen gemeint, außerdem sollten virtuelle Produkte mithilfe neuer Multimedia-Technologien wie VR und AR entstehen. Auf Initiative von Professor Krause, seit Beginn Leiter der Konstruktionstechnik am Institut, bewarb sich ein Konsortium aus insgesamt über 50 Partnern unter Leitung von Fraunhofer IPK, Volkswagen und Siemens Business Services auf den Leitprojektwettbewerb des BMBF – und gewann: Mit 25 Millionen Euro Förderung des Bundes und weiteren 25 Millionen Euro von Industriepartnern sollten die beteiligten Softwarefirmen, Forschungsinstitute und Anwender im Programm »Innovative Technologien und Systeme für die integrierte Virtuelle Produktentstehung« (iViP) bis 2002 Projekte zu Themen wie Infrastruktur über Werkzeuge zur virtuellen Fertigungserprobung bis hin zur Marktvorbereitung durchführen.

Der digitale Master

Mit iViP sollte eine umfassende IT-Systemwelt für die Produktentwicklung entstehen. Zentral war dafür die Idee der offenen Common Object Request Broker Architecture (CORBA): Statt proprietären Datenformaten und Software, die keine Integrationen zulässt, sollte die iViP-Objektschnittstelle und -Integrationsplattform den Datenaustausch zwischen allen in der Produktentwicklung verwendeten Werkzeugen möglich machen. In Zukunft würden Entwickler und Entwicklerinnen ihre Programme wie Bausteine im zentralen iViP-Client organisieren – sowohl lokal installierte iViP-konforme Werkzeuge als auch externe, noch nicht vollständig eingebundene Software oder sogar Software-on-Demand-Dienste, die nur bei Bedarf aus Intra- oder Internet geladen werden konnten. Zugrunde lag damit auch erstmals der »Digitale Master« als »Single Source of Truth«, mit dem digitale Durchgängigkeit in bisher nicht erreichbarem Umfang umgesetzt werden konnte. Der Kongress »Virtual Product Creation 2002« zog zum Abschluss von iViP Bilanz: Insgesamt entstanden 45 Prototypen, von denen circa 30 zu produktreifen IT-Systemen wurden oder in andere Systeme integriert werden konnten (zum Beispiel die PDM/PLM-Software axalant 2000 oder SAP Automotive). Insbesondere KMU sollten mithilfe der neuen iViP-Architektur Zugang zu bisher unerschwinglicher Hightech-Software erhalten und die Kooperation mit Auftraggebern und Zulieferern verbessern. 

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Beim »Innovationsforum Virtuelle Produktentstehung« 2000 tauschten sich über 250 Gäste von Anwendern bis Systementwicklern zur Zukunft der Produktentstehung aus.
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Abschlusskongress »Virtual Product Creation 2002«

Nicht alle Unternehmen waren zu diesem Zeitpunkt zur Umsetzung einer offenen Architektur in der Praxis bereit und setzten lieber auf den Ausbau eigener Ökosysteme – ein Ansporn für Institutionen wie das Fraunhofer IPK, auch in Zukunft an umfangreichen Industriekooperationen und Austauschformaten zu arbeiten. Ebenfalls im Projekt beteiligt war der ProSTEP-Verein, der sich bereits seit 1993 für industrieübergreifende Datenformate eingesetzt hatte. Mit Abschluss von iViP entschieden sich einige Partner, ihre gemeinsame Arbeit dort fortzuführen. Der so entstandene Verein »prostep ivip« zählt heute knapp 180 Mitglieder aus Industrie und Forschung und organisiert regelmäßig internationale Konferenzen, Workshops und andere Formate rund um die industrielle Produktentwicklung.

1999: Teleservice und das Leitprojekt »e-Industrial Services«

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Anfang der 1990er visionär: Der Anlagenzustand wird über das Internet remote überwacht.

»Hallo Maschine, wie geht es dir heute?«

Wenn im Kontext von CIM die Rede davon war, Komponenten einer Fertigungssteuerung »vernetzen« zu wollen, ging es noch um lokale Vernetzung. Das Internet war zwar Ende der 1980er Jahre schon geboren, der Zugang jedoch den Universitäten vorbehalten. Erst 1990 beschloss die National Science Foundation der USA, das Netzwerk für kommerzielle Zwecke zu öffnen – damit wurde es auch für die Arbeiten des Fraunhofer IPK nutzbar. 

Der nun mögliche Blick von außen in die Eingeweide der Maschinensteuerung war aus Perspektive des Fraunhofer IPK vor allem für die Maschinenüberwachung und -wartung interessant. Unter dem Schlagwort »Teleservice« begann der Bereich Steuerungstechnik um Eckhard Hohwieler daher quasi mit Aufkommen des World Wide Web, Maschinensteuerungen netzwerktechnisch zu integrieren. Ziel war es, Daten an der Steuerung abzurufen und diese an einem beliebigen Ort weiterzuverarbeiten – mit der Idee, Maschinenherstellern eine Fernwartung der von ihnen vertriebenen Anlagen zu ermöglichen. Auf diesem Gebiet übernahm das Institut in den folgenden Jahren eine Vorreiterrolle. 

Mehrwertdienste aus Fraunhofer-Hand

So entstand bis Ende der 1990er Jahre eine Plattform, die beliebige Maschinendaten aufnehmen konnte. Diese ermöglichte nicht nur die Fernvisualisierung des Maschinenzustands. Sie unterstützte auch Serviceprozesse. Dazu nahm die Plattform zusätzlich Nutzer- und Vertragsdaten auf, auf deren Basis After-Sales-Services umgesetzt werden konnten. Und: Um zum Beispiel steuerungsbedingte Störungen zu beheben, musste der Wartungsdienst nicht mehr physisch an die Anlage kommen – während bei den Maschinennutzern die Anlagenverfügbarkeit erhöht wurde. 

Was das Fraunhofer IPK bis Anfang der 2000er entwickelt hatte, konnte es in das im Jahr 2000 unter der Leitung des Fraunhofer IPA gestartete Fraunhofer-Leitprojekt »e-Industrial Services« einbringen. Ralf Berger realisierte dabei in Zusammenarbeit mit dem GMD-Institut FOKUS (dem heutigen Fraunhofer FOKUS) eine Plattform für die Unterstützung und Durchführung von digitalen Serviceprozessen. Durch das Leitprojekt wurde für das Thema eine höhere Reichweite und Verbreitung erzielt. 

Das Leitprojekt »e-Industrial Services« adressierte Themen, die bis heute aktuell sind: Systemkosten von Anlagen sollten über den gesamten Lebenszyklus reduziert werden. Anlagenhersteller sollten die Attraktivität ihrer Produkte steigern und neue Geschäftsfelder erschließen. Über die Service-Erbringung sollten Hersteller Einsatzprofile ihrer Anlagen erhalten. Dadurch sollte Optimierungspotenzial aufgedeckt werden und durch Feedback to Design in die Weiterentwicklung der Produkte und Serviceleistungen einfließen. Hohwielers Team vertiefte im Projekt das Thema Condition Monitoring und erweiterte seine Entwicklungen auf diesem Gebiet um ergänzende Dienstangebote eines ganzheitlich digital unterstützten Wartungsprozesses. Viele der Ideen ließen sich Anfang der 2000er noch nicht umsetzen wie angedacht, doch sie bildeten die Grundlage für das, was zehn Jahre später unter dem Schlagwort »Industrie 4.0« allgemeine Verbreitung in der Industrie finden würde.