Die 1990er Jahre: Doppelter Neuanfang

Die deutsche Wiedervereinigung und ein Wechsel in der Institutsleitung prägen die 90er Jahre im Fraunhofer IPK. Mit der Berliner Mauer fiel auch manche Gewissheit im Bereich Auftragsforschung, und das Institut musste seinen Kompetenzbereich anpassen, um stabil zu bleiben. Im Jahr 1997 übernahm Prof. Eckart Uhlmann die Leitung des Fraunhofer IPK von Prof. Günter Spur. In den folgenden Jahren sollte er den Forschungsfokus des Instituts weiter verschieben.

1990: Jahre des Umbruchs im Kielwasser der Wiedervereinigung

© Fraunhofer IPK
Die Außenstelle des Fraunhofer IPK in der Kurstraße in Berlin-Mitte
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Fünf Jahre nach seiner Gründung ein voller Erfolg: Zum Jubiläum des CIM-Technologietransferzentrums 1994 besuchte der Bundesminister für Forschung und Technologie, Dr. Paul Krüger das PTZ.

Mitarbeit am Aufbau Ost

Die Geschichte des Fraunhofer IPK in den 1990er Jahren lässt sich nicht erzählen ohne einen Blick auf die allgemeine Umbruchsituation nach Mauerfall und Wiedervereinigung. Diese Ereignisse hatten Prozesse in Gang gesetzt, die die Arbeit im Institut maßgeblich beeinflussen sollten. Zum einen beteiligte sich das Institut nach 1990 intensiv am »Aufbau Ost«. Zum anderen bewirkten die allgemeine Rezession in der Bundesrepublik sowie der Wegfall der Berlinförderung einen Strukturwandel in der Auftraggeberschaft des Instituts, der sich unmittelbar auf dessen Forschung auswirken sollte.

An Aufbauarbeit war nach der Wiedervereinigung sowohl in der Industrie als auch in der Forschung viel zu tun, und das Fraunhofer IPK war in beiden Bereichen aktiv. Von 1992 bis 1996 unterhielt das Institut eine Außenstelle in Berlin Mitte, wo Wissenschaftlerinnen und Ingenieure der ehemaligen Akademie der Wissenschaften der DDR Erfahrungen in der Projektakquisition und Zusammenarbeit mit Industriepartnern sammeln konnten. Teile der Außenstellen-Belegschaft wurden nach 1996 in das Fraunhofer IPK übernommen.

Gleichzeitig unterstützten verschiedene Initiativen ostdeutsche Produktionsbetriebe auf dem Weg in die Marktwirtschaft. Schon 1990 wurden die CIM-Technologietransferzentren um vier Standorte in Ostdeutschland ergänzt. Das seit 1988 am PTZ beheimatete CIM-TT Zentrum Berlin übernahm die Koordination und unterstützte den Aufbau der Standorte in Chemnitz, Dresden, Magdeburg und Wismar. Zudem initiierte es die Einrichtung eines »Investitionsmarkts Berlin-Brandenburg« unter der Schirmherrschaft von Bundeswirtschaftsminister Jürgen W. Möllemann. Der Investitionsmarkt sollte Investoren Informationen über die Landkreise Berlin-Brandenburgs und über zu privatisierende Unternehmen sowie technologieorientiertes Management-Know-how des PTZ vermitteln. Zur gleichen Zeit arbeitete ein Zentrum für Werkstattorientierte Programmierverfahren, im Fraunhofer IPK bekannt als »WOP-Zentrum« daran, die Programmierung von Anlagen auf dem Shopfloor mit grafisch-interaktiven Eingabemethoden zu vereinfachen. Die Angebote des Zentrums wurden nach 1990 vor allem von Interessenten aus den neuen Bundesländern angenommen.

Der wirtschaftliche Strukturwandel kommt im Fraunhofer IPK an

Bei allen Bemühungen um einen Anschub der ostdeutschen Wirtschaft: Zunächst brach die Auftragsforschung im Institut stark ein. Die Gründe sind vielschichtig. Die Westberliner Wirtschaft war jahrelang subventioniert worden, um vor allem verarbeitendes Gewerbe trotz der ungünstigen Standortbedingungen ohne Zugang zum Umland in der Stadt zu halten. Diese sogenannte Berlinförderung wurde nach 1990 rasch abgebaut, wodurch der Standort für viele Unternehmen unattraktiv wurde. Ein großer Teil wanderte nach Westdeutschland ab, vormals enge Beziehungen zum Fraunhofer IPK kamen dabei häufig zum Erliegen. Zugleich gingen mit der allgemeinen Rezession nach der Wende die Investitionen in Forschung und Entwicklung zurück.

Die Effekte lassen sich im Institut wie durch ein Brennglas beobachten: Zwischen 1992 und 1995 sank die Zahl der Beschäftigen stark ab, während gleichzeitig das Budget massiv zurückging. Ein Blick auf die auftraggebenden Branchen zeigt, dass das Institut seinen Fokus verschob, um sein Fahrwasser zu stabilisieren: Kamen die auftraggebenden Unternehmen vor 1990 vor allem aus den Bereichen Elektro- und Kommunikationstechnik sowie Maschinenbau, gewann jetzt zum Beispiel die Fahrzeugindustrie an Einfluss. Auch Branchen, die vormals nur ein geringes Auftragsvolumen erzeugten, wurden nun in den Statistiken offiziell genannt – etwa die Optik oder Luft- und Raumfahrt. Ab Mitte der 1990er Jahre stabilisierte sich auf dieser Grundlage die wirtschaftliche Lage des Instituts, und der veränderte Branchenfokus bewirkte eine spannende Erweiterung der Forschungsthemen über das Jahrzehnt hinweg. 

1992: Machine Vision oder Zukunftsvision?

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Dr. Bertram Nickolay, 1993
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Schon 1988 arbeitete man im Fraunhofer IPK an der Bildanalyse zu Zwecken der Qualitätssicherung.
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Kamerasetup für die Analyse von Oberflächen, 1996

Oberflächlich ausgezeichnet

Schon in den 1970er Jahren hatten Mitarbeitende des IWF der TU Berlin mit Sensoren wie Kameras die Erkennung von Objekten erprobt, noch bevor Computer in der Lage waren, die so gesammelten Daten zu speichern und auszuwerten. Der Grund für ein produktionswissenschaftliches Institut, sich mit dem Thema zu befassen, ist naheliegend: Für die zunehmende Automatisierung beispielsweise in der Automobilindustrie mussten Industrieroboter und andere Anlagen selbstständig Teile lokalisieren, identifizieren und bewegen. Auch in den Projekten des Fraunhofer IPK wurde die Bildauswertung zunächst als Teilbereich der Sensortechnik gesehen und für einfache Handhabungsprozesse eingesetzt. Beispiele waren die Höhenmessung und Lagebestimmung gestapelter Werkstücke mit zwei an einem Industrieroboter montierten Kameras oder der sogenannte »Griff in die Kiste«, bei dem Objekte im Extremfall ungeordnet übereinanderliegen und sich in Kameraaufnahmen überlappen.

Mit besseren Kameras und leistungsfähigeren Computern erweiterten sich in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren auch die Anwendungsbereiche der Technologie rasant. Unter Leitung von Dr. Bertram Nickolay wurde am Fraunhofer IPK eine Abteilung für die Mustererkennung eingerichtet, die sich mit der automatisierten Bildauswertung beschäftigte, auch in der Qualitätssicherung. Für seine Promotion zu einem mittels überwachten maschinellen Lernens trainierten »Belehrbaren Bildauswertungssystem zur Beurteilung von Materialoberflächen und Erkennung von Oberflächenfehlern« wurde Dr. Nickolay 1992 der Joseph-von-Fraunhofer-Preis überreicht – der zweite für das Fraunhofer IPK.

Lights, Camera, Action!

Praktische Anwendungen für die fortschrittlichen Methoden ließen nicht lange auf sich warten: Von der Inspektion von Kanalsystemen mit Robotern über die Qualitätsprüfung von Teilen aus Gießprozessen bis zur Unterstützung der Diagnose im Deutschen Herzzentrum war das Team von Dr. Nickolay gefragt. Dabei wurde aktiv der Kontakt in die Praxis außerhalb der Produktion gesucht. Für die Forschenden war klar: Ihre Systeme zur industriellen Bildverarbeitung hatten das Potenzial, aus der Produktion heraus in andere Bereiche übertragen zu werden, da sie in der Lage waren, nahezu beliebige Muster zu erkennen und zu analysieren.

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1994 funktionierte die Kennzeichenerkennung an Zufahrtsschranken schon sehr solide: Die in einem Projekt für Parkhäuser entwickelte Software wertete Kennzeichen innerhalb von ein bis zwei Sekunden aus.
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Echt oder gefälscht? Um die Echtheit von Unterschriften auf Pässen, Schecks und Vertragsdokumenten zu prüfen, setzten Banken und Behörden auf Bildauswertungssysteme aus dem Fraunhofer IPK.

Die Mustererkennung fand in Form der Optical Character Recognition (OCR) so auch immer mehr Einzug in alltägliche Fragestellungen. Pkw-Kennzeichen in Parkhäusern automatisch zu erkennen, schaffte das System des Fraunhofer IPK in ein bis zwei Sekunden. Projekte zu Fälschungssicherung, Unterschriftenprüfung und Fingerabdruckidentifikation waren ebenfalls überaus erfolgreich: Als strategischer Partner von Banken und Behörden wie dem Bundeskriminalamt war das Institut jahrelang an wichtigen Entwicklungen in der Sicherheitstechnik beteiligt. Dass mit Dr. Nickolay und seiner Abteilung ein neuer Schwerpunkt für die Forschung des Instituts entstanden war, sollte sich noch bis in die 2010er Jahre auswirken – mit Projekten wie der Rekonstruktion von Kulturgütern, die weltweit Anwender fanden.

1992 Simulation auf allen Produktionsebenen

Dem realen Prozess virtuell vorgreifen

Modellierung und Simulation sind heute unverzichtbare Werkzeuge in der Produktion. Von der Absicherung von Bearbeitungsvorgängen über die Einrichtung von Prozessketten bis zur Abbildung komplexer Unternehmensstrukturen unterstützen sie Abläufe auf allen industriellen Hierarchieebenen. Eigenschaften und Verhalten von Systemen werden damit ohne aufwändige Versuche in der Realität erfasst und optimiert, komplexe Zusammenhänge nachvollziehbar visualisiert.

Vor diesem Hintergrund ist es wenig überraschend, dass in einem Institut mit starkem Digitalfokus der weite Themenbereich »Simulation« frühzeitig ein bestimmendes Tätigkeitsfeld wurde. Seit den 1980er Jahren finden sich in den Jahresberichten des Instituts Beschreibungen von Forschungsarbeiten zu Simulationsthemen quer über alle Fachbereiche des Instituts hinweg. Aus der Vielzahl der Aktivitäten zur Simulation von Fertigungsprozessen sei eine beispielhaft hervorgehoben: Anfang der 1990er Jahre war das Institut in der Lage, den kompletten Prozess des automatisierten Lackierens von Karosserien virtuell abzubilden und entsprechende Lösungen in der Fahrzeugindustrie zu implementieren. Die entwickelten Technologien wurden Teil des »RobCAD Painting Module« des israelischen Unternehmens Tecnomatix und gelangten darüber später in die Product Lifecycle Management Software der Firma Siemens. 

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Steuerungssimulator, 1986: Auf diesem Gerät konnte für die Firma Traub entwickelte Steuerungssoftware so getestet werden, als würde sie auf der realen Maschine ausgeführt.
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Die Dissertation von Dr. Xiaoyi Liu zur Simulation des pneumatischen und elektrostatischen Lackierprozesses wird 1992 mit dem Carl-Ramsauer-Preis der AEG ausgezeichnet.
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Mit der Lackiersimulation LAROS konnte die geeignete Prozessstrategie für eine optimale Lackverteilung ermittelt werden.

Unterschiedliche Kompetenzbereiche des Instituts spielten in diesen Themenkomplex hinein, etwa die Konstruktionstechnik und Robotik. Ein Teilbeitrag aus letzterem Bereich wurde preisgekrönt: Dr. Xiaoyi Liu erhielt für seine Dissertation zum pneumatischen und elektrostatischen Lackierprozess 1992 den Carl-Ramsauer-Preis der AEG. Die Begründung für die Auszeichnung: Simulation integriert Domänenwissen aus unterschiedlichen Bereichen, sie bringt physikalische, chemische oder mechanische Aspekte mit informationstechnischen Werkzeugen zusammen. Dr. Xiaoyi Liu gelang es wegweisend, die Gebiete Strömungstechnik, elektrische Feldtheorie, Informatik und praktische Anwendung in der Industrie in Einklang zu bringen. Seine Methode wurde industriell in der Offline-Programmierphase von Lackierrobotern angewendet, um eine gleichmäßigere Lackschicht zu erreichen, die Lackiereffizienz zu steigern und Lackfehler zu vermeiden.

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Für die Planung einer hochmodernen flexiblen NC-Fertigungshalle bei MBB in Donauwörth wurde in den 1980er Jahren das Simulationssystem MOSYS entwickelt.
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MO²GO-Modelle übertragen die Strukturen, Dienste, Prozesse und Daten eines Unternehmens in ein integriertes Unternehmensmodell und stellen die verfügbaren Daten gezielt bereit. Mit wenigen Notationselementen macht MO²GO die Modelldarstellung leicht verständlich.
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Schulung im Demonstrationszentrum Simulation in Produktion und Logistik, 1995. Auf dem Bildschirm an der Wand ist ein Unternehmensmodell in MO²GO zu sehen.

Modellierung und Simulation von Fabrikabläufen

Auf einer höher gelagerten Ebene bewegte sich das »Demonstrationszentrum Simulation in Produktion und Logistik«, das im September 1994 feierlich am Fraunhofer IPK eingeweiht wurde. In den 1980er Jahren hatte ein Forschungsteam das Simulationssystem MOSYS entwickelt, mit dem komplexe Fertigungssysteme für ganze Fabrikhallen geplant werden konnten. Im Rahmen von CIM entstand die Idee, nicht nur den Materialfluss im Fabriklayout, sondern auch die umgebenen Abläufe in ihren Abhängigkeiten zu modellieren – vom Auftragseingang über die Materiallogistik und Fertigung bis zum fertigen Teil, inklusive der korrespondierenden Teilbereiche und Funktionsgruppen im Unternehmen. Kommerziell am Markt verfügbare Systeme der Zeit waren dazu nicht in der Lage, da sie die erforderliche Prozessvernetzung nicht abbilden konnten. Als 1986 im Rahmen einer umfassenden Studie zum Stand der CIM-Technologie für den Automobilhersteller VW Prozesse im Unternehmen modelliert werden sollten, wurde daher der Grundstein für die integrierte Unternehmensmodellierung (IUM) mit dem Modellierungstool MO²GO gelegt. In den Folgejahren unterstützte das Fraunhofer IPK auf dieser Basis zahlreiche Unternehmen dabei, ihre Unternehmensprozesse zu erfassen und zielgerichtet zu optimieren.

Das Demonstrationszentrum machte sich ab 1994 zur Aufgabe, Lösungen und Technologien für Simulation einem breiteren Anwenderkreis zugänglich zu machen. Dazu wurden nicht nur Schulungen auf verschiedenen gängigen Simulationssystemen angeboten, sondern auch Planspiele durchgeführt. Sie halfen Unternehmen, unter Nutzung von Simulationstechniken Schwächen in ihren Abläufen zu identifizieren und zu beheben. Das interaktive Planspiel LIFE!, in dem die Teilnehmenden eine Bohrmaschinenfertigung nach unterschiedlichen Ablauflogiken organisieren, bildete die Grundlage für die Serious Games, die bis heute im Fraunhofer IPK auf immer neue gesamtwirtschaftliche Umgebungsbedingungen angepasst werden – zuletzt auf die Erfordernisse der Kreislaufwirtschaft, zur Implementierung von digitalen Produktpässen oder zur Entwicklung und dem Training von resilienten Unternehmensprozessen. 

To be continued...

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