Kompass Kreislaufwirtschaft

Green Deal, EU-Aktionsplan Kreislaufwirtschaft, Ökodesign-Verordnung – für die Politik ist der Übergang zur Kreislaufwirtschaft beschlossene Sache. Doch der Wandel erfordert Kompetenzen. Wie können KMU sich darauf einstellen?

Dass in den nächsten Jahren und Jahrzehnten in allen Industrien aus linearen zirkuläre Prozesse werden müssen, steht durch politische Zielsetzungen und regulatorische Vorgaben faktisch fest. Auf europäischer Ebene markieren politische Strategien wie der Green Deal und EU-Aktionsplan für die Kreislaufwirtschaft sowie regulatorische Vorgaben wie die neue Ökodesign-Verordnung oder das Recht auf Reparatur einen klaren Richtungswechsel. Und auch in Deutschland ist die Kreislaufwirtschaft mit der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie inzwischen strategisch fest verankert.

Von Strategie zu Umsetzung

Die Industrie steht also vor der Herausforderung, ihre etablierten Wertschöpfungsmuster zu überdenken. Doch dabei geht es nicht allein um Umwelt- und Klimaschutz, denn die Kreislaufwirtschaft eröffnet auch ökonomische Chancen. So können Unternehmen, die Materialien effizienter nutzen, Abfälle vermeiden und Produkte länger im Einsatz halten, langfristig Kosten senken und ihre Abhängigkeit von volatilen Rohstoffmärkten reduzieren. Gleichzeitig entstehen neue Geschäftsmodelle, die wirtschaftliche Resilienz und Kundenbindung stärken können – etwa rund um Reparatur, Remanufacturing oder serviceorientierte Nutzungskonzepte. 

Gerade für kleine und mittlere Unternehmen ist der Einstieg jedoch anspruchsvoll. Viele Betriebe sind sich ihres Handlungsbedarfs zwar bewusst, doch häufig fehlt eine klare Orientierung für die ersten Schritte. Hohe Anfangsinvestitionen, fehlende Standards, regulatorische Unsicherheiten und begrenzte personelle Kapazitäten erschweren die Umsetzung zusätzlich. Um KMU dabei zu unterstützen, entwickeln Forschende des IWF der TU Berlin den Circular Economy Hub Berlin, eine digitale Anlaufstelle für die industrielle Kreislaufwirtschaft in Berlin.

Für jede Lebenszyklusphase die richtige R-Strategie

Berlin denkt im Kreis

Dass ausgerechnet Berlin als Standort für einen solchen Kompetenzhub ausgewählt wurde, ist kein Zufall. Die Hauptstadt vereint eine vielfältige industrielle Basis mit einer außergewöhnlich hohen Dichte an Forschungs- und Bildungseinrichtungen, mit über 40 Hochschulen und mehr als 70 außeruniversitären Forschungsinstitutionen. Hinzu kommt eine lebendige Start-up-Szene mit mehr als 500 Gründungen pro Jahr.

Als größte Stadt Deutschlands verfügt Berlin zudem über ein enormes urbanes Ressourcenpotenzial, also Produkte, Komponenten und Materialien, die lokal genutzt, repariert oder wiederaufbereitet werden können. Kurze Wege, eine gut ausgebaute Recycling- und Entsorgungsinfrastruktur sowie zahlreiche Initiativen im Nachhaltigkeitsbereich schaffen ideale Voraussetzungen, um zirkuläre Lösungen unter realen urbanen Bedingungen zu erproben.

Wandel statt Wirrwarr

Wie hilft der Circular Economy Hub Berlin Unternehmen also, dieses Potenzial zu nutzen? Das Ziel der Forschenden ist eine digitale, kostenfreie und jederzeit zugängliche Plattform, die Unternehmen praxisnah beim Einstieg in die Kreislaufwirtschaft unterstützt. Im Zentrum steht ein interaktives Modell, das auf den sogenannten »10R«-Strategien der Kreislaufwirtschaft basiert. Beim Erkunden der verschiedenen Strategien je nach eigenem Schwerpunkt und Interesse stoßen Nutzer und Nutzerinnen auf zahlreiche Anwendungsbeispiele und Szenarien: Hier ersetzt ein Möbelhersteller kurzlebige Einzellösungen durch standardisierte, flexible und rückbaubare Systeme, die über viele Jahre hinweg weitergenutzt werden können. Da werden mit neuer Messtechnik Defekte an Elektroauto-Batterien identifiziert, um sie instand zu setzen. Oder die moderne Sortiertechnologie eines Recyclingunternehmens bereitet gemischte Kunststoffabfälle für eine effektive Verwertung vor.

Daneben bietet der Hub hilfreiche Informationen zu Methoden, Regularien und Fördermöglichkeiten. Beispielsweise fasst ein Leitfaden die wichtigsten Richtlinien für Unternehmen zusammen, erklärt zentrale Neuerungen und bietet einen Überblick zum Inkrafttreten neuer Gesetze und Verordnungen. Mithilfe erster Handlungsempfehlungen können Unternehmen informierte Entscheidungen treffen und erste Schritte in Richtung zirkulärer Wertschöpfung gehen. 

Als niedrigschwellige und praxisorientierte Anlaufstelle soll der Hub dazu beitragen, Berlin als Modellregion für industrielle Kreislaufwirtschaft sichtbar zu machen: für alle, die vor der Herausforderung stehen, ihre Wertschöpfungsnetzwerke zirkulärer zu gestalten. Das Team am IWF der TU Berlin arbeitet bereits daran, den Hub weiter auszubauen und Unternehmen auch im direkten Austausch und in gemeinsamen Forschungsprojekten zur Seite zu stehen. Damit aus guten Ideen und Vorsätzen nachhaltigere Geschäftsmodelle werden. 

Förderhinweis

Der Circular Economy Hub Berlin wird durch den Berliner Senat für Wirtschaft, Energie und Betriebe im Rahmen des Masterplans Industriestadt Berlin 2022-26 gefördert.