FUTUR: Welche Voraussetzungen sind dafür nötig?
Ramesohl:
Das Circular Economy Information Ecosystem (CEIS) ist ein Arbeitsbegriff, der genau dieses Thema der Voraussetzungen für die digitale Kreislaufwirtschaft adressiert. Es beschreibt die Summe der Technologien, Infrastrukturen, Prozesse und Regeln, die Daten und Informationen in der Circular Economy verfügbar machen. Man könnte sagen, es geht um das Internet der Kreislaufwirtschaft. Wir brauchen ein Ökosystem, das unterschiedliche Akteure, Datenräume und Technologien miteinander verbindet. Da wird zum Beispiel der digitale Produktpass eine Rolle spielen. Wichtig ist: Dieses Ökosystem ist kein Produkt oder zentralistisches Betriebssystem. Es ist nicht monolithisch, sondern es ist vielmehr ein offenes System of Systems. Es gehört keinem, es ist nicht proprietär, sondern es ist Ergebnis eines Prozesses, in dem die vielfältigen Ansätze und Aktivitäten der Circular Economy zusammenwachsen. Es ist per Definition dezentral, damit souverän und dynamisch, aber es muss interoperabel sein. Diese Interoperabilität als Erfolgsvoraussetzung muss von den Stakeholdern in der Circular Economy organisiert werden. Deswegen glaube ich, dass es wichtig ist, sich auch im Rahmen der bereits angesprochenen Digitalisierungsinitiative mit dem CEIS zu beschäftigen.
Als Grundlage der Kreislaufwirtschaft ist das CEIS aber natürlich nicht auf Deutschland begrenzt. Denn letztendlich brauchen wir im Zuge einer Weltwirtschaft, die mit Lieferketten und Datenströmen global vernetzt ist, auch eine globale Circular Economy. Um das zu erreichen, müssen wir lokale, regionale, nationale oder europäische Ansätze nutzen, um damit in die Skalierung zu gehen. Denken Sie zum Beispiel an die Manufacturing-X-Projektfamilie, an der auch das Fraunhofer IPK beteiligt ist. Das sind ganz wichtige Bausteine, die skaliert und internationalisiert werden müssen. Deswegen wäre auch meine Erwartung, dass eine Digitalisierungsinitiative auch das Thema der internationalen Kooperation mit abdeckt. Hier haben wir als Deutsche, definitiv aber auch als Europäer etwas anzubieten. Mein Eindruck ist, dass das in anderen Weltregionen, unter anderem auch in China, mit großem Interesse beobachtet wird und es dort auch eine Bereitschaft gibt, sich dazu auszutauschen.
FUTUR: Dafür scheint ein langer Atem erforderlich zu sein. Wo sehen Sie zukünftig die Quick Wins auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft?
Ramesohl:
Sie haben recht, die Kreislaufwirtschaft ist ähnlich wie die Klimaneutralität von Industriegesellschaften ein Dekadenprojekt. Auch hier ist 2050 ein wichtiger Meilenstein und auch hier gibt es eine Mischung aus sehr kurzfristigen und sehr langfristigen Ansätzen. Ganz kurzfristig, wenn wir nochmal zurück auf die R-Strategien schauen, fängt das bei uns selbst an. Mit dem klassischen Refuse, d. h. dem Verweigern: Brauche ich wirklich das nächste Fast-Fashion-T-Shirt? Es gibt Konsumbereiche, die mittlerweile eine derartige Taktrate haben, die nichts mehr mit elementaren Bedürfnissen zu tun haben. Wo wir hier und heute sehr schnell mit kleinen Entscheidungen und in der Regel wahrscheinlich sogar ohne Verlust an Lebensqualität Wirkung erzielen können. Wir haben bei einer Strategie wie Reduce die Möglichkeit zu fragen, wie viel Verpackungsmaterial, welche Verpackungskon-struktionen tatsächlich technisch notwendig sind. Können Monomaterialverpackungen anstelle von Verbundverpackungen eingesetzt werden, weil sie besser zu recyceln sind? Das lässt sich sehr schnell lösen.
Ich glaube aber, dass es noch etwas dauern wird, bis wir wirklich in einer digitalen R-Economy angekommen sind, die große Wertschöpfungsanteile nicht mehr im Produzieren hat, sondern bei Dienstleistungen wie Reparieren und im professionellen industriellen Wiederaufarbeiten. Dass also Maschinen und Produkte zurück zum Hersteller gehen, dort wieder aufgearbeitet oder zerlegt und in Teilen wieder genutzt werden – Stichwort Remanufacturing. Viele Unternehmen sind da dran. Es wird aber noch Zeit brauchen, bis sich Ökosysteme mit allen dafür notwendigen Partnern ausbilden. Aber hier liegt am Ende die große Chance, nicht zuletzt, weil wir den Import von Rohstoffen teilweise aus riskanten geopolitischen Lagen durch heimische Wertschöpfung bei Dienstleistungen und Wiederaufarbeitung ersetzen können. Und das ist aus meiner Sicht eine sehr kluge und zukunftsfähige Industriepolitik.