Aus Managementsicht gibt es mehr als genug handfeste Gründe für mehr Kreislaufwirtschaft in Unternehmen. Steigende Rohstoffpreise, fragile Lieferketten, neue regulatorische Anforderungen oder auch wachsende Erwartungen von Kunden und Investoren setzen Unternehmen zunehmend unter Druck. Wer daher Materialien effizienter nutzt, Produkte länger im Einsatz hält und Abfälle vermeidet, kann Kosten senken, Abhängigkeiten reduzieren oder ganz neue Geschäftsmodelle erschließen. Das klingt in der Theorie sehr überzeugend, in der Praxis stellt sich jedoch schnell die Frage: wo im Unternehmen anfangen?
Benjamin Gellert, Wissenschaftler und Nachhaltigkeitsexperte am Fraunhofer IPK, kennt diese Überlegungen nur zu gut: »Unserer Erfahrung nach besteht vor allem die große Herausforderung, dass die Kreislaufwirtschaft ein sehr breites, im Prinzip systemisches Konzept ist. Sie betrifft nicht nur die Frage nach Materialalternativen wie biobasierten Kunststoffen oder recycelten Metallen. Sie betrifft potenziell alle Bereiche eines Unternehmens.« Im Einkauf und der Produktentwicklung wird entschieden, welches Material verwendet wird und ob das Produkt reparierbar ist. Die Produktion hat einen Einfluss darauf, wie viel Abfall anfällt und was damit geschieht. Und der Vertrieb sowie das After-Sales-Geschäft stehen in Kontakt mit den Kundinnen und Kunden und können Ersatzteile liefern oder Produkte zurücknehmen.
Soll das eigene Unternehmen kreislaufwirtschaftlicher werden, lässt sich dieser Wandel kaum mit einem einzigen großen Schritt bewältigen. Doch gerade weil so viele Hebel existieren, ist es umso wichtiger, Prioritäten nicht vorschnell zu setzen. Um langfristig sinnvolle Entscheidungen zu treffen, müssen konkrete Unternehmensdaten als Grundlage herangezogen werden, wie Theresa Madreiter von Fraunhofer Austria betont: »Unternehmensdaten zeigen, wo bereits zirkuläre Ansätze gelebt werden und an welchen Stellen noch ungenutztes Potenzial schlummert. Sie machen sichtbar, ob Materialien bereits in geschlossenen Kreisläufen geführt werden, wie modular Produkte gestaltet sind oder wie stark das After-Sales-Geschäft Reparaturen und Rücknahmen unterstützt. Kurz gesagt: Erst wenn klar ist, wo das Unternehmen heute steht, lässt sich fundiert entscheiden, welcher nächste Schritt tatsächlich Wirkung entfaltet.«
An dieser Stelle setzt ein Forschungsteam von Fraunhofer IPK und Fraunhofer Austria mit dem Online-Tool »EcoBoost« (kurz für »Ecological Business Optimization and Sustainability Tool«) an. In einem gemein-samen Projekt entwickeln sie zusammen das datenbasierte Entscheidungsunterstützungssystem, das Unternehmen dabei hilft, die für sie passenden Ansätze der Kreislaufwirtschaft zu identifizieren. EcoBoost liefert dabei zum Unternehmensprofil passende Empfehlungen, die die individuellen Gegebenheiten und Einflussgrenzen des Unternehmens berücksichtigen. Das Projekt wird von zwei mittelständischen Anwendungspartnern aus dem Maschinenbau begleitet, die das System im Rahmen von Pilotanwendungen testen und mit ihrem Praxisfeedback weiter schärfen.
Der Ansatz ist bewusst praxisnah gedacht. Als Unternehmen gibt man ausgewählte Kennzahlen in eine Eingabemaske ein. Dazu gehören beispielsweise der Anteil des Materialeinsatzes aus wiederverwendbaren Materialien, der Anteil der verkauften Produkte mit modularer Bauweise oder der Anteil des Umsatzes, der durch Upgrades und Modernisierungen erzielt wird. Da diese Daten nicht immer konkret vorliegen, können auch Abschätzungen (von sehr hoch bis nicht vorhanden) vorgenommen werden. Die insgesamt knapp 30 Kennzahlen bilden ab, in welchen Bereichen Kreislaufwirtschaft bereits verankert ist und wo noch ungenutztes Potenzial liegt.
Auf dieser Basis arbeitet EcoBoost dann ähnlich wie der »Wahl-O-Mat«. Die bekannte internetbasierte Wahlentscheidungshilfe der Bundeszentrale für politische Bildung erfragt Einstellungen zu politischen Themen und gleicht diese mit den unterschiedlichen Wahlprogrammen ab. In wenigen Schritten gelangen Nutzende so zu einer priorisierten Übersicht, inwieweit ihre Ansichten mit denen der Parteien übereinstimmen.
Genau so einfach ist auch die Anwendung und Interpretation des EcoBoost-Online-Tools. Hier bekommen Nutzende nach Eingabe der abgefragten Daten die am besten geeigneten Kreislaufwirtschaftsansätze für ihr jeweiliges Unternehmen angezeigt. Dazu können z. B. der verstärkte Einsatz wiederverwendbarer Materialien, ein systematisches Rücknahmemanagement, neue Service- und Upgrade-Angebote oder ein zirkuläres Produktdesign, das Reparierbarkeit und Wiederverwendung von Anfang an mitdenkt, zählen. Ein zentrales Merkmal von EcoBoost ist die konsequente Berücksichtigung des individuellen Unternehmenskontexts. Was für einen Hersteller komplexer Maschinen sinnvoll ist, muss für einen anderen Betrieb nicht automatisch passen. EcoBoost erfasst diese unterschiedlichen Rahmenbedingungen und bezieht sie in die Vorschläge mit ein. So bleibt die Kreislaufwirtschaft kein abstraktes Leitbild, sondern wird zum strategischen Entwicklungsprozess