Systemlösungen statt Einzelprodukte

Werkzeugmaschinen verkaufen sich nicht mehr nur über Leistung, sondern punkten auch mit sparsamem Energieverbrauch und intelligenter Vernetzung.

Alfred Geißler, CEO der DMG MORI AG, erläutert im Interview mit FUTUR, welche Erwartungen seine Kunden an moderne Anlagentechnik haben.

© DMG MORI AG
Die Fertigung eines Gehäuses für die anspruchsvolle Halbleiterindustrie auf einer DMC 125 FD duoBLOCK erfordert höchste Präzision und genaueste Oberflächengüten.

FUTUR: Die angespannte Konjunkturlage und der hohe Wettbewerbsdruck machen auch vor dem Maschinen- und Anlagenbau nicht halt. Wie bewerten Sie die aktuelle Situation Ihrer Branche?

Geißler: 

Wenngleich einige Branchen und Regionen eine leichte Erholung der Konjunktur verzeichnen, bleibt das laufende Geschäftsjahr geprägt von geopolitischen Unsicherheiten, anhaltenden Konflikten und der gedämpften Nachfrage nach Investitionsgütern. Gleichzeitig stehen unsere Kunden unter hohem Innovationsdruck und müssen in zukunftsstarke Technologien investieren. Werkzeugmaschinen stehen dabei am Beginn dieser Transformation. DMG MORI bietet unter dem Leitbild »MX – Machining Transformation« eine Antwort auf diese Herausforderungen und stellt umfangreiche Lösungen bereit, auch für kleine und mittelständische Unternehmen. Ein enger Austausch mit Kunden und Interessenten, hohe Qualität und umfassende Serviceangebote sind essenziell, um in diesem schwierigen Marktumfeld zu bestehen. Entsprechend investieren wir kontinuierlich in Forschung und Entwicklung sowie in unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

FUTUR: Welche Anforderungen werden heute an die Maschinen- und Anlagentechnik gestellt?

Geißler:

Unsere Kunden stehen vor der herausfordernden Aufgabe, ihre Fertigungen zu modernisieren, um langfristig erfolgreich zu bleiben. Produkte werden komplexer, Losgrößen kleiner, der Kostendruck steigt. Innovation, Effizienz und Flexibilität stehen daher an oberster Stelle. Konkret bedeutet dies: Kunden brauchen eine gesteigerte Produktivität im Prozess und mehr Qualität im Produkt sowie einen reduzierten Personalaufwand und damit geringere Stückkosten.

Maschinen müssen dementsprechend eine hohe technische Komplexität haben, die wir durch ein hohes Maß an Technologieintegration sicherstellen. Gleichzeitig erfordert die sich verschärfende Fachkräftesituation eine einfache Bedienbarkeit, digitale Bedienungshilfen sowie die Möglichkeit zur Automation. Denn längere Maschinenlaufzeiten durch Automatisierung und digitale Tools sorgen für mehr Effizienz und Nachhaltigkeit sowie für eine gesteigerte Transparenz und Reproduzierbarkeit, was wiederum die Basis für einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess bildet. 

FUTUR: Nicht die Hardware, sondern die Elektronikkomponenten beschränken heute die Lebensdauer von Maschinen. Wie reagieren Sie auf solche Herausforderungen im Anlagenbetrieb?

Geißler:

DMG MORI stellt die hohe Qualität der Komponenten unter anderem durch eine hohe Standardisierung mit den intern gefertigten DMG MORI Components und einen modularen Aufbau sicher. Nachhaltigkeit ist zudem ein integraler Bestandteil bereits bei der Entwicklung unserer Maschinen. Entsprechend achten wir bei allen Komponenten neben der hohen Qualität insbesondere darauf, dass sie repariert oder elektronische Komponenten auch auf den neuesten Stand gebracht werden können. Ein Beispiel hierfür ist unser digitales, datenbasiertes Ökosystem CELOS X. Für ältere Maschinenmodelle bieten wir Retrofit-Optionen an, beispielsweise um sie zu automatisieren oder zu digitalisieren und damit die Produktivität und Effizienz zu verbessern – ganz im Sinne einer nachhaltigen Produktion.

FUTUR: Was verbirgt sich konkret hinter Ihrem Leitbild Machining Transformation (MX)?

Geißler:

Den sich verändernden, steigenden Kundenanforderungen begegnet DMG MORI mit der bereits erwähnten Machining-Transformation-Strategie, kurz MX. MX basiert auf den vier Säulen Prozessintegration, Automation, Digitale Transformation (DX) und Grüne Transformation (GX). Durch eine möglichst enge Verzahnung dieser vier Säulen bieten wir unseren Kunden passgenaue Lösungen für eine moderne, nachhaltige und effiziente Fertigung. Mit MX entwickelt sich DMG MORI konsequent weiter vom Maschinenbauer zu einem ganzheitlichen, nachhaltigen Lösungsanbieter im Fertigungsumfeld. Dabei gilt der Grundsatz: Die Maschine ist und bleibt unser Kern! Hochproduktive, präzise und nachhaltige Maschinen von ausgezeichneter Qualität sowie ein umfassender Service sind unser Kundenversprechen. 

Durch Synergien aus Prozessintegration, Automation und Digitalisierung soll MX den Anwender dabei unterstützen, Potenziale für Nachhaltigkeit und innovatives Wachstum freizusetzen. So begegnen wir den Veränderungen in unserem Geschäftsumfeld, wie dem zunehmenden Fachkräftemangel und der Rohstoffknappheit, und wollen unseren Kunden in jedem Schritt der Wertschöpfungskette einen Wettbewerbsvorteil verschaffen.

© DMG MORI AG
Eine Mitarbeiterin bei DMG MORI in Pfronten montiert die Radmagazine für die verschiedenen Baureihen. Diese können bei Bedarf für über 400 Werkzeuge konfiguriert werden.

FUTUR: Der Service rund um das eigentliche Produkt wird immer wichtiger. Welche Trends beobachten Sie hier?

Geißler:

Unsere Werkzeugmaschinen erreichen oftmals eine Lebensdauer von über 20 Jahren – ein guter Service rund um die Maschine ist daher entscheidend. Wir sind mit unseren Kunden im engen Austausch, um unser Angebot bestmöglich auf ihre individuellen Anforderungen abzustimmen. 

Wir bieten zahlreiche Services für unsere Maschinen: von Automations- und Digitalisierungslösungen über diverse Nachhaltigkeitsoptionen und Peripheriegeräte von zertifizierten Partnern bis hin zu Retrofit-Optionen oder die Inzahlungnahme am Ende des Lebenszyklus einer Maschine. Abgerundet wird dies durch Finanzierungs- und Trainings­angebote. Kurz gesagt: Unsere Kunden erhalten alles, was sie brauchen, aus einer Hand.

Bei klassischen Wartungs- und Reparaturfällen spielt zunehmend die Schnelligkeit eine wichtige Rolle: Kunden erwarten innerhalb von 24 Stunden eine Antwort. Entsprechend setzen wir neben der kontinuierlichen Stärkung und Weiterbildung unserer MRO-Mitarbeiter auf digitale Tools, zum Beispiel die KI-gestützte Erkennung und Planung von »Predictive Maintenance« oder unser Kundenportal my DMG MORI. my DMG MORI fungiert dabei als umfassendes digitales Kundencenter – von der Störungsbehandlung bis zur Technologieoptimierung. Eine der bedeutendsten Neuerungen ist der Selfservice: Auf Basis von Fehlercodes erhalten Anwender konkrete Anleitungen zur eigenständigen Problemlösung. Diese Funktionalität reduziert nicht nur Ausfallzeiten, sondern stärkt auch die Autonomie der Anwender im Umgang mit unseren Hightech-Maschinen.

FUTUR: Was müssen deutsche Maschinenhersteller tun, um auch in Zukunft ihren Marktanteil zu sichern und ihre Innovationsführerschaft zu behaupten?

Geißler:

Als Maschinenhersteller müssen wir unsere Kunden auf dem Weg zu einer zukunftsorientierten Produktion unterstützen und ihnen dabei helfen, ihre Fertigungsprozesse effizienter und nachhaltiger zu gestalten. Dabei gilt: Der Mensch ist immer im Zentrum, wenn es darum geht, Innovationen zu schaffen, Technologien weiterzuentwickeln und Kundenlösungen zu finden. In Kooperation und Co-Kreation steckt enormes Potenzial – intern wie extern. Intern setzen wir auf kontinuierlich hohe Investitionen in Forschung und Entwicklung und ermöglichen unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen intensiven Austausch, um gemeinsam Lösungen zu erarbeiten und voneinander zu lernen. Darüber hinaus arbeiten wir eng mit unseren Kunden zusammen, um immer die beste Lösung für sie zu entwickeln. Wir kooperieren mit Partnern, um gemeinsam Innovationen zu schaffen. Langfristig erfolgreich und führend bei Innovationen kann nur bleiben, wer starke Partnerschaften hat und bereit ist, immer weiter zu lernen. 

Alfred Geißler

© Kazutoshi Murata

ist seit Mai 2023 Vorstandsvorsitzender der DMG MORI AKTIENGESELLSCHAFT. Der gelernte Maschinenbauingenieur fokussiert die Themen Produktdesign, Entwicklung und Einkauf. Bereits seit 1983 gehört Alfred Geißler zum heutigen DMG MORI-Konzern und war unter anderem seit 2005 Geschäftsführer der DMG MORI Pfronten GmbH, dem größten Entwicklungs- und Produktionsstandort in Europa. DMG MORI ist ein weltweit führender Hersteller von Werkzeugmaschinen und treibt die ganzheitliche Prozessintegration auf der Basis von Technologieintegration, Automation und Digitalisierung für mehr Nachhaltigkeit voran.