Wenn Daten zur Last werden

In vielen Zerspanungsbetrieben zeigt sich ein ähnliches Bild: Prozessdaten in der Fertigung werden zwar gesammelt – doch häufig fehlt es an Expertise für Kontextualisierung und Auswertung. Getriggerte Sensorik schafft Abhilfe.

Wenn ein Unternehmen im produzierenden Gewerbe seine Prozesse optimieren möchte, dann sind Datenaufnahme und -auswertung dafür unerlässlich. Nehmen wir als Beispiel einen mittelständischen Betrieb: Die in der Fertigung eingesetzten Werkzeugmaschinen sind zwar grundsätzlich in der Lage, Prozessdaten bereitzustellen und abzulegen, die Auswertung würde die Mitarbeitenden jedoch Zeit kosten, die sie nicht haben.

So geht es vielen, vor allem kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Häufig werden die erzeugten Daten gar nicht erst gespeichert, sondern nur sporadisch bei der Bedienung der Maschine überwacht. Manche Betriebe lassen ihre Maschinen kontinuierlich alles aufzeichnen, von Stromverläufen über Spindeltemperaturen bis hin zu Vibrationen. Doch ohne klare Struktur landen diese Datenmengen ungenutzt auf Servern. Gerade KMU haben schlicht keine Kapazitäten, um Daten nachträglich zu sortieren und auszuwerten. Keine gute Option für unseren Beispielbetrieb also.

Andere Unternehmen erfassen Daten nur manuell für einzelne Bearbeitungsprozesse, die zum Beispiel aufgrund eines aufgetretenen Werkzeugversagens genauer betrachtet werden sollen. Ein Werker oder eine Werkerin an der Maschine bekommt zum Beispiel die Anweisung: »Drück den Knopf, wenn der Fräsvorgang startet.« Das ist nicht nur fehleranfällig, sondern macht eine zuverlässige Zuordnung zu Bauteilen, Werkzeugen und Prozessschritten nahezu unmöglich. Besonders in der Lohn- oder Auftragsfertigung, wo bestimmte Teile nur selten und in unregelmäßigen Abständen gefertigt werden, geht so wertvolles Wissen über die notwendigen Verfahren und Prozesse verloren. Ist der Auftrag im nächsten Jahr wieder dran, sind Mitarbeitende vielleicht nicht mehr im Betrieb oder Erfahrungen wurden schlicht nicht dokumentiert. 

In unserem Beispielunternehmen prägen hohe Variantenvielfalt und regelmäßig wechselnde Bauteilgeometrien, Losgrößen und Bearbeitungsstrategien den Alltag. Hoher Aufwand, unsichere Datenqualität und kaum Mehrwert für datengetriebene Optimierungen? Unter diesen Voraussetzungen klingt auch die manuell geplante oder stichprobenartige Datenaufnahme nicht nach einer besonders guten Alternative für unser Unternehmen.

© Fraunhofer IPK / Larissa Klassen
© Fraunhofer IPK / Larissa Klassen
Instabile Prozesse können durch Inspektion am Mikroskop erkannt werden.
© IWF TU Berlin / Dominik Hasselder
So sollte ein Fräser im stabilen Prozess aussehen: keine Ausbrüche an den Schneiden.

Gezielt messen statt alles erfassen

Die Lösung heißt getriggerte Datenaufnahme. Statt die Sensorik permanent laufen zu lassen, wird sie nur dann aktiviert, wenn es darauf ankommt, automatisch und zuverlässig. Zu Beginn eines definierten Fräsprozesses oder beim Start des Bearbeitungszyklus einer bauteilkritischen Geometrie schaltet nun nicht mehr der Werker oder die Werkerin einen Sensor an – sondern ein Signal direkt aus dem Prozess. So entstehen kleinere, relevantere Datenmengen, die sich klar einzelnen Bauteilen und Prozessschritten zuordnen lassen.

Speicherplatzbedarf, Aufwand für die Datenverarbeitung und Personaleinsatz sinken drastisch. Gleichzeitig steigen Konsistenz und Aussagekraft der Datenbasis – die Grundlage für verlässliche Analysen und Optimierungen.

Von der Rohinformation zur verwertbaren Erkenntnis

Werkzeugmaschinen liefern heute bereits eine Vielzahl nutzbarer Signale: Stromsensoren geben Aufschluss über Antriebsleistungen, Beschleunigungssensoren helfen, instabile Prozesse zu erkennen, und Temperatursensoren überwachen Spindeln. Werden diese Daten gezielt in den relevanten Prozessabschnitten erfasst und mit Kontextinformationen wie Auftragsnummer oder Werkzeug-ID kombiniert, entsteht ein hochwertiger Datensatz mit konkretem Praxisbezug. 

Am IWF der TU Berlin arbeiten Forschende seit Jahren daran, mit solchen strukturierten Daten ein umfassendes Prozessmonitoring zu realisieren, mit dem Schneidenausbrüche und Toleranzabweichungen detektiert und auch weitere Prozessanomalien frühzeitig erkannt werden können. Ein Vorteil: Auch bildgebende Sensoren, etwa Mikroskope zur Erfassung des Zustands von Werkzeugschneiden, lassen sich automatisiert triggern. So stehen zeitlich exakt korrelierte Bilder und Prozessdaten zur Verfügung. Für unseren Beispielbetrieb ergibt sich damit erstmals ein umfassender Überblick eines kritischen Fräsprozesses: ein gemeinsamer, hochverdichteter Datensatz aus Bearbeitungsprogramm, Beschleunigungssensor-Daten aus der Spindel und hochauflösender Bilder der Werkzeugschneiden. Mit Algorithmen lassen sich somit beispielsweise automatisiert Ausbrüche an einzelnen Schneiden aus den Beschleunigungsdaten extrahieren und auch langfristig die Ursachen dafür identifizieren. Eine Aufgabe, die manuell kaum zu leisten wäre. Die Vorteile der getriggerten Datenaufnahme gehen allerdings über die vereinfachte Datenauswertung hinaus. Im nächsten Schritt erlaubt die zeitliche Korrelation ein automatisiertes Labeln der Daten, wodurch sie auch für KI-Ansätze und selbstlernende Optimierungsstrategien nutzbar werden. Das spart unserem mittelständischen Beispielunternehmen längerfristig weitere Zeit im vollen Produktionsplan.

Integration in heterogene Maschinenparks

Ein Hindernis in der Umsetzung bleibt jedoch: Im Gegensatz zu unserem Beispielbetrieb verfügt nicht jedes Unternehmen bereits über eine moderne, vernetzte Maschinenlandschaft. Im Rahmen des bundesweiten Netzwerks ProKI haben Umfragen gezeigt, wie stark die Ausgangssituationen in KMU divergieren – vom durchdigitalisierten Maschinenpark bis zu Fertigungsumgebungen ohne Internetanschluss. Klar, dass für die Integration der neuen Ansätze die verschiedenen Ausgangslagen berücksichtigt werden müssen. Um die Vorteile der getriggerten Datenaufnahme für alle nutzbar zu machen, wurden am IWF der TU Berlin verschiedene Integrationspfade entwickelt:

  • Einfache digitale Signale direkt aus dem G-Code können genutzt werden, um Sensoren über Ein- und Ausgangsklemmen der Maschinensteuerung automatisch ein- und auszuschalten. Moderne Sensoren verfügen in der Regel bereits über entsprechende Trigger-Eingänge – eine schnelle Lösung ohne tiefgehende Eingriffe in die Maschinensteuerung.
  • Retrofit-Ansätze mit Edge-Devices, inkl. modularer digitaler Ein- und Ausgangsklemmen oder OPC-UA-Schnittstellen, binden auch ältere Maschinen an moderne Datenerfassungs- und Visualisierungsplattformen an.

So können bestehende Anlagen mit überschaubarem Aufwand zu datenfähigen Ressourcen werden. Besonders KMU ohne eigene Entwicklungsabteilung können von den Vorteilen profitieren.

Kontext schafft Wissen

Der größte Mehrwert entsteht, wenn die getriggerten Sensordaten systematisch in einer zentralen Datenbank abgelegt und mit Kontextinformationen angereichert werden. So lassen sich Bearbeitungsschritte eindeutig identifizieren und mit Ergebnissen aus der Qualitäts-sicherung verknüpfen. In der Praxis können Unternehmen so Werkzeugstandzeiten zuverlässig überwachen, Abweichungen früher erkennen und Rüst- sowie Wartungsintervalle gezielter planen. Stillstände werden reduziert, Prozesse beschleunigt, und es entsteht ein stetig wachsendes digitales Prozesswissen, das fundierte Entscheidungen unterstützt und dabei hilft, auf Veränderungen schnell zu reagieren.

Für KMU in der Zerspanung wie unseren Beispielbetrieb bedeutet die getriggerte Datenaufnahme einen praktischen und kosteneffizienten Einstieg in die datengetriebene Fertigung. Statt Datenballast oder fehleranfälliger Handarbeit entsteht eine verlässliche, schlanke Datenbasis – genau das, was sie für moderne Optimierungsalgorithmen, KI-Anwendungen und nachhaltige Prozessverbesserungen brauchen. 

Förderhinweis

Das Demonstrations- und Transfernetzwerk KI in der Produktion (ProKI-Netz) wird durch das Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFTR) im Programm »Zukunft der Wertschöpfung – Forschung zu Produktion, Dienstleistung und Arbeit« (FKZ 02P22A000 bis 02P22A070) gefördert und vom Projektträger Karlsruhe (PTKA) betreut.