Der Mittelstand will's wissen

Mittelständische Unternehmen wollen wissen, wie nachhaltig sie wirtschaften. In einem laufenden Projekt bekommen sie dazu kostenfreie Benchmarkingberichte.

So sieht Mittelstand heute aus: Sirri Haydar ist ein moderner, mittelständischer Unternehmer. Seine Firma HS Dienstleistungen hat ihren Sitz in Mainhausen, seit zwanzig Jahren werden von dort aus Reinigungsservices im Rhein-Main-Gebiet ausgeführt. Bodenständiger geht es kaum.

Herrn Haydar ist es wichtig, dass das Unternehmen nicht nur Profite abwirft, sondern auch nachhaltig und sozial verträglich wirtschaftet. Deswegen entwickelte er ein System, mit dem 80 Prozent weniger Chemikalien im Reinigungsmittel eingesetzt werden und dennoch die gleiche Reinigungsleistung wie die herkömmlicher Produkte erzielt wird. In einer Zeit, in der die Kundschaft immer mehr Wert auf Nachhaltigkeit legt, kann das für die HS Dienstleistungen GmbH ein Wettbewerbsvorteil sein. »Als Mittelständler ist es mit unseren Ressourcen jedoch schwierig, diese Innovation gegenüber den Kunden zu belegen und zu kommunizieren«, so Haydar.

 

Intrinsische Motivation

Haydar trifft damit den Nerv der Zeit. Er ist einer von vielen mittelständischen Unternehmern, die das Thema Nachhaltigkeit für sich entdeckt haben. Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) sind meist fest verwurzelt in ihrem regionalen und sozialen Umfeld. Sie empfinden eine besondere Verantwortung gegenüber ihrer Region, ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und der Gesellschaft. Als Zulieferer sind KMU außerdem besonders häufig von Ressourcenverknappung betroffen und müssen sich daher umso mehr mit Alternativen beschäftigen.

Auch Regina Brückner von Brückner Trockentechnik GmbH, einem Anlagenhersteller für die Textilindustrie, setzt sich für den sparsamen Umgang mit Ressourcen ein: »Unsere Kunden stehen gegenüber den großen Handelskonzernen unter großem Druck – sie müssen ihre Maßnahmen zur Steigerung einer nachhaltigen Produktion nachweisen. Wir bieten unseren Kunden dazu umfassende Lösungen – von hocheffizienten Anlagen, die deutlich weniger Ressourcen verbrauchen (wie Wettbewerbsmaschinen) über Schulungen als auch intelligente Simulationswerkzeuge zur Verbesserung der Energieeffizienz unserer Anlagen.«

Die Suche nach Substituten

Auf noch wenig genutzte Verpackungsmaterialien setzt beispielsweise der Kosmetikhersteller Kneipp. Steinpapier ersetzt nun zum Teil herkömmliche Papiersorten. Durch die Substituierung des Verpackungsmaterials können große Mengen Wasser eingespart werden, die in der herkömmlichen Papierherstellung eingesetzt werden.

Die Suche nach neuen Materialien birgt allerdings ihre eigenen Herausforderungen. Manuela Fischer, Geschäftsführerin des Architekturbüros planen + bauen aus Osnabrück, erzählt: »Es ist schwierig, bezahlbaren Ersatz für erdölbasierte Baustoffe zu finden. Einerseits fehlt es an unabhängigen Portalen, auf denen man Informationen zu nachhaltigen Ersatzprodukten und deren Lieferanten findet, andererseits können diese die Baustoffe oft nicht in ausreichender Menge liefern. Eine weitere Problematik liegt in den langen Lieferwegen. Wenn der Lieferant am anderen Ende Deutschlands sitzt, ist die Beschaffung der Materialien nicht zwangsläufig nachhaltiger.«

 

Nachhaltigkeit als Chance

Welche Vorteile versprechen sich Unternehmerinnen und Unternehmer also davon, das Thema Nachhaltigkeit auf die Agenda zu setzen? Sie sehen zum einen direkte, offensichtliche Vorteile: Wer weniger Material effizienter einsetzt, spart dadurch Geld.

Zum anderen können sie ihre Firma so auch besser und zukunftsfähiger im Wettbewerb positionieren. Die Auseinandersetzung mit sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit steigert zudem die Attraktivität des Arbeitgebers für die jüngere Generation und dient damit als vorbeugende Maßnahme gegen den drohenden Fachkräftemangel.

»Für mittelständische Unternehmen ist es wichtig, sich mit den Chancen und Risiken des Klimawandels, der Ressourcenverknappung sowie des demographischen Wandels für das eigene Geschäftsmodell zu befassen und die Auswirkungen der eigenen Geschäftstätigkeit zu kennen«, so Max Kettner vom Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW). »Mit der Erhebung relevanter Daten können diese sowohl extern an Kunden, Geschäftspartner und Geldgeber kommuniziert werden sowie für das interne Management verwendet werden.«

 

Unterstützung für mittelständische Unternehmen

Der BVMW und das Fraunhofer IPK bieten mit dem von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt geförderten Projekt »Mittelstand. Ressource – Nachhaltigkeitsbenchmarking für mittelständische Unternehmen« kleinen und mittleren Unternehmen einen Einstieg in ein strategisches Nachhaltigkeitsmanagement. Unternehmen analysieren mithilfe eines im Projekt ausgearbeiteten Kriterienkatalogs ihre Stärken und Schwächen, vergleichen ihre Nachhaltigkeitsleistung und erkennen dadurch individuelle Potenziale.


Für den Kriterienkatalog wurden über 1.700 existierende Kennzahlen aus marktüblichen Nachhaltigkeitsanalysen gesichtet und speziell auf die Bedürfnisse des Mittelstands zugeschnitten. Übrig geblieben ist ein Fragenkatalog mit 43 Kennzahlen, der im Rahmen des Projekts branchenübergreifend erprobt und finalisiert wird.

 

Gut zu wissen

Mittelstand.Ressource – Nachhaltigkeitsbenchmarking für mittelständische Unternehmen: Unternehmen haben während des bis Ende 2020 laufenden Projekts die Möglichkeit, die Kennzahlen im eigenen Betrieb zu erheben und kostenfrei einen Benchmarkingbericht zu erhalten.