Fraunhofer IPK

Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik

Virtuelle Rekonstruktion

Das Fraunhofer IPK beschäftigt sich im Rahmen von Forschung und Entwicklung seit Mitte der 1990er Jahre mit der Digitalisierung und Rekonstruktion von zerrissenen, geschredderten und anderweitig beschädigten Dokumenten. Die automatisierte virtuelle Rekonstruktion erhielt weltweite Bekanntheit durch das „Stasi-Schnipsel-Projekt“, ein Pilotsystem in dem 400 von mehr als 15 000 Säcken mit zerrissenen Stasi-Akten virtuell rekonstruiert werden sollen. Mit dieser Technologie kann ein wertvoller Beitrag zum Erhalt von Kulturgut, zur historischen Forschung und Aufarbeitung sowie für die Fo­rensik geleistet werden. Denn obwohl das System realisiert wird, um zerrissene Akten des DDR-Staatssicherheitsdienstes wieder lesbar zu machen, beobachten auch Experten anderer Fachrichtungen – Altorientfor­scher ebenso wie Archivare und Kriminologen – die Entwicklungsarbeit mit großem Interesse. Die Technologie verspricht ihren Disziplinen einen enormen Informations- und Machbarkeitszugewinn.

Papier, Papyrus und Pergament spie­len seit Jahrtausenden als Kulturträger eine wichtige Rolle. Werden sie jedoch vorsätzlich oder versehentlich beschädigt, mussten die darauf gespeicherten Informationen bisher als verloren gelten, wenn die Wiederherstellung einen zu großen Zeit- oder Personalaufwand erfordert hätte – sofern sie über­haupt möglich war. Die Forschung und Entwicklung des Fraun­hofer IPK wird diese Situation grundsätzlich verändern. Dabei spielt eine wichtige Rolle, dass die Abteilung Maschinelles Sehen nicht nur Algorithmen zur virtuellen Rekonstruk­tion zweidimensionaler Objekte erarbeitet. Sie berücksichtigt einerseits sämtliche Prozesse in deren Umfeld. So werden etwa Konzepte zur zeiteffizienten und hochauflösenden Digitalisie­rung des Ausgangsmaterials sowie zur Langzeitarchivierung, Erschließung und Auswertung der rekonstruierten Dokumente erarbeitet. Andererseits befasst sie sich mit Szenarien, in de­nen die Wiederherstellung des physischen Ausgangsmaterials angestrebt ist. Dies berührt nicht nur den Bereich Papier, son­dern auch dreidimensionale Objekte wie Fresken oder Plasti­ken. Zur Unterstützung physischer Rekonstruktion sind neben Systemen für eine expertenunterstützte virtuelle (Vor)Rekon­struktion auch Robotik-Lösungen angedacht, die Fragmente halten, sensibel einpassen und zusammenfügen sollen.

EARTO-Innovationspreis: Informationsfilm zum Projekt

Für die Entwicklung der Software zur Rekonstruktion der zerrissenen Stasi-Akten wurde das Team von Dr. Bertram Nickolay am 4. Dezember 2013 mit dem EARTO-Innovationspreis der European Association of Research and Technology Organisations ausgezeichnet. Projektleiter Jan Schneider beschreibt das Projekt in einem kurzen Film zur Preisverleihung.