Digitale Produktpässe für das Elektrohandwerk: Transparenz von Einbau bis Entsorgung

Wie kann das Elektrohandwerk steigende Dokumentationspflichten, Serviceanforderungen und Nachhaltigkeitsziele unter einen Hut bringen? Digitale Produktpässe können hier einen entscheidenden Beitrag leisten. Sie machen relevante Informationen zu verbauten Komponenten über deren gesamten Lebenszyklus verfügbar − von der Herstellung über die Installation bis zur Entsorgung. Wir zeigen, wie praxisnahe digitale Produktpässe speziell für das Elektrohandwerk aussehen können und welchen Mehrwert sie für Betriebe und Verbände bieten.

Was ist ein digitaler Produktpass im Kontext des Elektrohandwerks?

Wenn im Elektrohandwerk von einem digitalen Produktpass gesprochen wird, ist ein strukturierter digitaler Informationssatz zu einer spezifischen Komponente oder Anlage gemeint, die von einem Handwerksbetrieb verbaut wird oder wurde. Dieser Datensatz bündelt alle relevanten Informationen zu dem Produkt an einem Ort: technische Daten des Herstellers, Einbauort, Wartungshistorie, Sicherheits- und Energieinformationen sowie Hinweise zu Reparatur, Rückbau und Entsorgung. 

Wozu dienen digitale Produktpässe im Elektrohandwerk?

Das Elektrohandwerk steht unter wachsendem Druck: Neue Regelungen und Nachweispflichten sowie steigende Anforderungen an Nachhaltigkeit und Energieeffizienz treffen auf knappe Zeit- und Personalressourcen in den Betrieben. Dass die Betriebe zunehmend gegenüber Kunden und Kundinnen, Herstellern und ggf. Behörden Nachweise zu verbauten Komponenten, Wartung, Energieeffizienz und Entsorgung erbringen müssen, ist vom Standpunkt der Nachhaltigkeit zwar nachvollziehbar. Immerhin spielen Elektroinstallationen eine Schlüsselrolle für die Energiewende und die Umsetzung von Kreislaufwirtschaftskonzepten in Gebäuden.

Die Betriebe stellt die Umsetzung der entsprechenden Regularien jedoch vor erhebliche Herausforderungen. Das beginnt schon damit, dass Hersteller ihren Produkten meist nur wenige produkt- und chargenspezifische Informationen mit auf den Weg geben. Servicebetriebe müssen sich bei Wartungen meist mit Basisinformationen wie Typbezeichnung und Baujahr eines Geräts oder Bauteils begnügen. Detaillierte Herstellerdaten wie die Materialzusammensetzung sind für sie ebenso wenig verfügbar wie Daten zum weiteren Product Life – etwa zur Servicehistorie.

Digitale Produktpässe können hier Prozesse vereinfachen, Haftungsrisiken reduzieren und neue Serviceangebote ermöglichen. Sie unterstützen die Betriebe bei Angebot, Planung, Installation, Service und End-of-Life (EoL)-Entscheidungen – sowohl bei Neuinstallationen als auch bei Service- und Wartungsaufträgen. 

Wie lösen DPP für das Elektrohandwerk diese Aufgaben?

Im Kern verknüpft der digitale Produktpass Produktdaten von Herstellern mit den Informationen, die im Handwerksbetrieb bei Planung, Einbau und Wartung entstehen. So bündelt er alle relevanten Informationen zu Elektroprodukten und -anlagen an einem Ort: Technische Daten, Einbauort, Wartungshistorie, Sicherheits- und Energieinformationen sowie Hinweise zu Reparatur, Rückbau und Entsorgung sind an einer einzigen Stelle verfügbar.

Zu jedem relevanten Bauteil oder System wird ein digitaler Datensatz angelegt, der z. B. über QR-Codes, Seriennummern oder Projektdaten eindeutig zugeordnet wird. Handwerksbetriebe erfassen bei Installation und Service ihre Arbeiten digital, z. B. via App oder Weboberfläche. Diese Informationen werden dem jeweiligen Produktpass zugeordnet. Ergänzend fließen Daten zur Energieeffizienz, Restlebensdauer und möglichen EoL-Optionen (Weiterverwendung, Upgrade, Recycling, Entsorgung) ein. So entsteht über den gesamten Lebenszyklus eine nachvollziehbare digitale Historie, die sowohl für Betriebe als auch für Kunden und Kundinnen, sowie perspektivisch für Entsorger und Recycler nutzbar ist.

Welche Vorteile bringt der Digitale Produktpass für das Elektrohandwerk?

Mit digitalen Produktpässen lassen sich Transparenz und Nachhaltigkeit mit praktikabler, digitaler Unterstützung für Betriebe verbinden. Handwerksbetriebe profitieren davon, weil ihnen bessere Entscheidungen über Reparatur, Austausch und Entsorgung ermöglicht werden. Angebot, Planung, Installation, Service und EoL-Entscheidungen werden fundiert unterstützt. Verbänden erhalten eine fundierte Grundlage, um Standards, Beratung und Weiterbildungen zur Digitalisierung im Elektrohandwerk weiterzuentwickeln.

Und auch Kunden und Kundinnen profitieren von digitalen Produktpässen. Mit den umfassenden Datensätzen können Handwerksbetriebe ihre Kunden und Kundinnen transparent informieren, was verbaut wurde, welche Lebensdauer und Effizienz zu erwarten ist und wie sich Komponenten am Ende ihres Lebenszyklus wirtschaftlich und nachhaltig behandeln lassen. 

Was leistet das Fraunhofer IPK im Bereich DPP für das Elektrohandwerk?

Im Fraunhofer IPK betrachten wir das Thema digitaler Produktpass ganzheitlich. Wir befassen uns nicht nur mit neuen Geräten, die bereits mit herstellerseitigen Produktpässen ausgestattet in den Handel kommen. Stattdessen berücksichtigen wir alle Informationsflüsse in der handwerklichen Wertschöpfungskette und untersuchen, wie auch Bestandsinstallationen ohne bisherigen Produktpass digital erfasst und eingebunden werden können. Dadurch adressieren wir nicht nur neue Projekte, sondern auch den großen, bestehenden Anlagenbestand im Elektrohandwerk.

Bei der Entwicklung digitaler Produktpässe arbeiten wir mit allen relevanten Stakeholdern zusammen. Wir kooperieren nicht nur mit Handwerksbetrieben, sondern vor allem auch mit den relevanten Verbänden. Als Vermittler können diese ihre Mitgliedsbetriebe bei der Digitalisierung, bei neuen Dokumentationspflichten und beim Übergang zu einer zirkulären Wirtschaft unterstützen. Sie können Standards mitgestalten, Best Practices verbreiten und so helfen, dass Betriebe konkrete, praxisnahe Werkzeuge erhalten.

Im Rahmen unser Ausschussarbeit leiten wir das Joint Technical Committee 24 (CEN CENELEC JTC24) „Digitaler Produktpass (DPP) – Rahmenbedingungen und System“, das für die Erstellung harmonisierter Standards für den digitalen Produktpass der EU zuständig ist. 

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