Fraunhofer IPK

Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik

Dr. Betram Nickolay

Dr. Bertram Nickolay ist Leiter der Abteilung Sicherheitstechnik. Der aus dem Saarland stammende Diplom-Ingenieur arbeitet nun schon seit 1977 am Fraunhofer IPK. Er hatte die Idee, ein System zu entwickeln, das zerrissene Stasi-Akten automatisiert virtuell rekonstruieren kann. Entstanden ist der ePuzzler – ein auf komplexen Algorithmen basierendes Computersystem, das einen entscheidenden Beitrag zur Aufarbeitung der jüngsten deutschen Geschichte leisten soll.

 

Woher kam die Idee, den ePuzzler zu entwickeln?

Mitte der 1990er Jahre erfuhr ich über Medienberichte und Gespräche mit Stasi-Opfern, dass im bayerischen Zirndorf Mitarbeiter der BStU zerrissene Geheimdienstakten per Hand zusammenfügen. Da fragte ich mich: Kann man das Problem nicht automatisiert lösen? Die Akten per Hand zu rekonstruieren würde, so schätzte man, einige hundert Jahre dauern. Wir waren sicher, dass sich mit automatisierter virtueller Rekonstruktion der Zeitaufwand auf einen Bruchteil reduzieren ließe.

Weshalb möchten gerade Sie das Stasi-Puzzle lösen?

Mein Team hat über Jahre Kompetenzen in der Automatisierung visueller Prozesse auf Basis von Mustererkennung und digitaler Bildverarbeitung erworben. Dadurch hatten wir das notwendige Know-how, um uns dieser komplexen Aufgabe zu stellen. Zudem habe ich eine  persönliche Motivation: Ich habe viele Freunde unter den ehemaligen DDR-Bürger- rechtlern. Einer war der Schriftsteller Jürgen Fuchs, der 1999 mit nur 48 Jahren an Krebs starb. Es ist möglich, dass die Krankheit von heimlicher Bestrahlung während seiner Stasi-Haft verursacht wurde. Man vermutet, dass Regimekritiker in den Gefängnissen gezielt radioaktiv bestrahlt wurden. Wenn das ein rekonstruiertes Blatt Papier beweisen könnte, wäre ich zufrieden.

Wie kam das Projekt zustande und gab es Widerstände?

Das Projekt entstand aufgrund meiner Initiative, doch es war leider kein Selbstläufer. Heute erfährt es eine große internationale Medienresonanz, doch es war immer wieder erforder- lich, dass ich aktiv wurde und die der BStU übergeordneten Ministerien und Abgeordnete mehrerer Bundestagsausschüsse an einen Tisch holte, um sie von der Machbarkeit und Innovationskraft des Projekts zu überzeugen. Als dann 2002 der Deutsche Bundestag eine Machbarkeits- und Konzeptstudie international ausschrieb, haben wir diese gewonnen: Wir konnten als einziger Bewerber anhand der Original-Schnipsel beweisen, dass das Problem lösbar ist. Doch  erst 2007 beauftragte uns das Beschaffungsamt des Bundes- innenministeriums, in einem Pilotprojekt ein Verfahren zur virtuellen Rekonstruktion zu entwickeln. Dabei werden zunächst 400 Säcke verarbeitet. Die Pilotphase läuft sehr gut, wir wollen sie Ende 2011 abschließen.

Wie wichtig sind die zerrissenen Stasi-Akten?

Die zerrissenen Unterlagen sind ein wichtiges Erbe der friedlichen Revolution. Nach Angaben der BStU sind es primär Akten aus den letzten 20 Jahren der DDR, die besonders brisant und aufschlussreich sind. Zudem: Wenn sich ein Machtapparat so viel Mühe gibt etwas zu vernichten, muss es doch wichtig sein.

Gibt es mit dem ePuzzler vergleichbare Systeme? Und kann man die Technologie auch anderweitig einsetzen?

Die Rekonstruktions-Technologie des Fraunhofer IPK ist wohl weltweit einmalig. Auch wenn vereinzelt anderswo Entwicklungsarbeiten laufen – keiner ist so weit wie wir. Eigentlich ist das erstaunlich, denn Anfragen aus aller Welt zeigen den enormen Bedarf für diese Technologie. Wir dachten zu Beginn, dass die Stasi-Akten ein Einzelfall seien. Doch dann baten uns andere Länder, wie Polen und Tschechien, um Hilfe bei der Rekonstruktion zerrissener und geschredderter Unterlagen. Auch für Kriminal- und Finanzbehörden haben wir schon Dokumente und sogar Fahrzeugkennzeichen rekonstruiert. Außerdem über- tragen wir die Technologie auf die Rekonstruktion von Objekten, etwa auf zerstörte Fresken. Hier kooperieren wir bereits mit Archäologen und Kunstwissenschaftlern.

Wie wichtig ist Ihnen persönlich diese Arbeit?

Sehr wichtig. Ich bin mit Leib und Seele Wissenschaftler, die technische Komponente des Projektes war für mich als Ingenieur eine spannende Herausforderung. Doch vor allem die Freundschaft zu Jürgen Fuchs und anderen Verfolgten bestärken mich immer wieder, nicht locker zu lassen. Ich möchte einen Beitrag zur Aufklärung leisten. In der Arbeit meines Teams ergänzen sich Hightech und gesellschaftliche Relevanz auf einzigartige Weise.