Fraunhofer IPK

Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik

Luftfahrt 4.0

Rolls-Royce Deutschland ist der einzige deutsche Flugzeugtriebwerkshersteller mit
Zulassung für die Entwicklung, Herstellung und Instandhaltung moderner ziviler
und militärischer Flugtriebwerke. Am Standort Dahlewitz bei Berlin befindet sich die Entwicklung und Endmontage aller BR700 Triebwerke. Als Kompetenzzentrum
für Zweiwellentriebwerke innerhalb der Rolls-Royce Group ist der Standort Dahlewitz außerdem für die Triebwerksbaureihen Tay, Spey und Dart verantwortlich. Außerdem wird seit 2017 in Dahlewitz auch das Großtriebwerk Trent XWB montiert. Insgesamt unterstützt Rolls-Royce Deutschland weltweit rund 8 000 im Dienst befindliche Triebwerke. Welche Rolle Industrie 4.0 und Internet of Things (IoT) bei Rolls-Royce spielen, darüber sprachen wir mit Heiko Witte, Head of Engineering Improvement and Quality in Dahlewitz.

FUTUR: Herr Witte, Sie koordinieren bei Rolls-Royce die Digitalisierungsprojekte in Engineering und Montage – welchen Ansatz verfolgen Sie dabei? 

Heiko Witte: Unsere Digitalisierungsprojekte bei Rolls-Royce orientieren sich zunächst an den wichtigsten Prioritäten am Standort und in unserem Geschäftsbereich – der zivilen Luftfahrt. Hier verändert die Digitalisierung – wie in anderen Industrien auch – die internen Abläufe ebenso wie sie es uns erlaubt, wesentlich mehr Daten über unser Produkt zu erfassen und auszuwerten. Bei der Auswahl der Projekte verfolgen wir den Value Stream-Ansatz, das heißt anhand des Wertstromprinzips Verbesserungspotenziale durch die Verbindung von Lean-Prinzipien  mit Digitalisierungskonzepten zu erreichen. Dabei geht es uns um ein besseres Verständnis unserer Produkte – beim Triebwerk und Serviceverhalten – sowie um eine Erhöhung der Effizienz in Entwicklung und Produktion. Somit sollen unsere Projekte vor allem das System Engineering unterstützen, also über die Ausgestaltung des digitalen Zwillings  dabei helfen, das systemübergreifende Produktverhalten umfangreicher zu verstehen und bewerten zu können.

FUTUR: Welche Industrie-4.0-Technologien setzen Sie im Unternehmen ein?

Witte: Zunächst konzentrieren wir uns auf die Datenanalytik, also auf die Entwicklung neuer Methoden und Algorithmen bei der Analyse von Daten aus Entwicklung und  Serviceverhalten unserer Produkte. Hier haben wir innerhalb unseres Unternehmens den Bereich »R2 Data Labs« als Entwicklungszentrum für Dateninnovation ins Leben gerufen. Innerhalb von R2 Data Labs werden wir uns auch auf Methoden der Künstlichen Intelligenz konzentrieren.

Darüber hinaus  setzen wir zunehmend Augmented und Virtual Reality (AR / VR) ein. AR und VR helfen uns, eine systemübergreifende Zusammenarbeit zwischen Entwicklung, Montage und Service zu ermöglichen, und System Engineering effizient und kompetent bei Rolls-Royce umsetzen zu können. Kollaborative Roboter werden uns in Zukunft helfen, in Fertigung und Montage Aspekte von Ergonomie, Qualitätssicherung und Wirtschaftlichkeit noch besser berücksichtigen zu können. 

FUTUR: In Partnerschaft mit dem Fraunhofer IPK arbeiten Sie am Forschungsprogramm »Cockpit 4.0«. Worum geht es hier genau?

Witte: Bei Cockpit 4.0, welches wir zusammen mit dem Fraunhofer IPK und der BTU Cottbus-Senftenberg umsetzen, geht es um die Entwicklung und Anwendung von innovativen Technologien in Entwicklung und Montage. Beispielsweise entwickeln wir ein Modell für die automatische Generierung von digitalen Montageanweisungen, mit dem in Zukunft die optimale Montage von neuen Triebwerken kollaborativ zwischen Konstrukteuren und Monteuren definiert werden kann. Außerdem wollen wir Fertigungs- und Montagedaten möglichst effi­zient und informationsreich in das Designmodell zurückführen, um Daten realer Bauteile in der Simulation berücksichtigen zu können.

FUTUR: Mit »Power by the hour« hat Rolls-Royce bereits 1962 ein Konzept eingeführt, das heute als Vorreiter für datengetriebene Geschäftsmodelle gilt. Wie sind Sie aktuell im Bereich Data Analytics aufgestellt?

Witte: Im Bereich Data Analytics haben wir im Servicebereich bereits viele Kompetenzen aufgebaut. Die Auswertung und Interpretation vieler verschiedener Daten aus Betrieb und Service von Flugtriebwerken ist sozusagen unser Kerngeschäft. Mit unserem Bereich R2 Data Labs gehen wir nun neue Wege in Hinsicht Innovation von Data Analytics. Hier wollen wir auch Start-up-Unternehmen einbinden, die uns bei Entwicklung und Umsetzung innovativer Algorithmen unterstützen können.

FUTUR: Wo sehen Sie zukünftig die größten Potenziale für Industrie 4.0 und IoT?

Witte: Bei Rolls-Royce gewinnen wir viele Daten und Informationen aus Entwicklung und Service. Große zusätzliche Potenziale sehen wir nun vor allem in der größeren Nutzung von Daten aus Fertigung und Montage – und aus dem Zusammenführen der Daten und Informationen über den gesamten Value Stream. Das alles verfolgen wir mit dem Ziel, die Eigenschaften unseres Produktes – Triebwerk und Triebwerksservice – besser vorhersagen zu können und damit die Grundlage zu schaffen, unser Geschäftsmodell weiterzuentwickeln. Außerdem sehen wir in der Einführung von agilen Entwicklungsmethoden – zusammen mit der Digitalisierung der Abläufe – erhebliche Potenziale für die Effizienz und Innovationsfähigkeit.

Zur Person

Heiko Witte ist seit 1997 bei BMW Rolls-Royce / Rolls-Royce Deutschland tätig und verantwortete hier verschiedene Bereiche, u. a. Triebwerksversuch, Projektmanagement, Produktentwicklung, Kontinuierliche Verbesserung und Digitalisierung. Er war Projektleiter seitens Rolls-Royce bei der Produkteinführung des V2500­Select-Triebwerks. Seit 2009 ist er Head of Engineering Improvement and Quality und koordiniert und leitet in dieser Rolle seit 2017 auch die Digitalisierungs- und Industrie-4.0-Projekte am Standort Dahlewitz. Heiko Witte verfügt über weitreichende Erfahrungen bei der Entwicklung und Umsetzung von Kanban (Flowline)- und Agiler Methodik in der Entwicklungsumgebung. Der Luft- und Raumfahrtexperte ist gern gesehener Referent auf internationalen Konferenzen in Deutschland und Europa, z. B. der Product Innovation – PI und der London Tech Week.

Kontakt

Heiko Witte

heiko.witte(at)rolls-royce.com

www.rolls-royce.com