Fraunhofer IPK

Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik

Hightech für jüdische Geschichte

Seit Juli 2014 kooperieren das Fraunhofer IPK und das Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien (MMZ) an der Universität Potsdam in einer international und interdisziplinär angelegten Projektinitiative zum Erhalt und zur Wiederherstellung von jüdischem Kultur- und Erinnerungserbe. FUTUR sprach mit dem Direktor des MMZ, Prof. Dr. Julius H. Schoeps, über die ungewöhnliche Zusammenarbeit von Geistes- und Ingenieurwissenschaften.

FUTUR: Herr Prof. Schoeps, vor rund zwei Jahren unterzeichneten das Moses Mendelssohn Zentrum und das Fraunhofer IPK eine Kooperationsvereinbarung. Wie kam es dazu? 

Julius H. Schoeps: Sowohl Bertram Nickolay als auch ich nahmen die jeweiligen Projekte des anderen zur Kenntnis. Ich verfolgte mit großem Interesse sein Stasi-Schnipsel-Projekt und er unsere Aktivitäten in Fragen der Restitution von NS-Raubgut. Eines Abends trafen wir uns persönlich auf einem Empfang und kamen gleich ins Gespräch und dachten darüber nach, ob es nicht Möglichkeiten der Zusammenarbeit gäbe.

FUTUR: Welche der damals vereinbarten Projektvorhaben konnten bereits auf den Weg gebracht werden?

Schoeps: Noch am gleichen Abend verabredeten wir uns, denn mir brannte ein Projekt seit Jahren unter den Nägeln, bei dem wirklich Handlungsbedarf besteht. Es geht um verwitterte, zum Teil zerstörte Grabsteine auf jüdischen Friedhöfen in Deutschland. Das Moses Mendelssohn Zentrum in Potsdam hat eine Dependenz im Sachsen-Anhaltinischen Halberstadt, wo es gleich drei jüdische Friedhöfe gibt. Viele der dortigen Grabsteine sind verwittert und die Grabinschriften kaum mehr lesbar. Das ist schade, denn im Gegensatz zu Grabsteinen auf christlichen Friedhöfen erfahren wir durch die hebräischen Grabinschriften ungleich mehr über das Leben und den Beruf der Verstorbenen. Die Grabsteine  auf jüdischen Friedhöfen sind sozusagen kultur- und soziohistorische Dokumente. 

Um so wichtiger ist es, wohlgemerkt nicht nur für die Forschung, dass die Grabinschriften wieder lesbar gemacht werden. Leider sind viele dieser »Dokumente« aufgrund von Umwelteinflüssen, zum Teil auch mutwilliger Zerstörung, kaum mehr zu entschlüsseln. Es bedarf daher einer Technologie, um die aufgrund von Fehlstellen oder ausgewaschenen Buchstaben nicht mehr zu entziffernden Inschriften wieder lesbar zu machen. Aufgrund des Know-how des Fraunhofer IPK passen wir gut zusammen. Wir haben unlängst zusammen einen Projektantrag auf den Weg gebracht. Wenn alles gut geht und das Projekt die notwendigen Gelder erhält, kann im Frühjahr nächsten Jahres auf den Halberstädter Friedhöfen eine eigens dafür entwickelte IPK-Technologie exemplarisch eingesetzt werden. Ich sage bewusst exemplarisch, denn diese Technologie eignet sich ebenso für andere zerstörte Objekte aus Stein, Glas oder anderen Materialien. 

Die Zusammenarbeit bei diesem Pilotprojekt führte gleich zum nächsten, nämlich zu einem im Arbeitstitel genannten »Radikalismus-Radar«. Dieses Projekt wollen wir in Kooperation mit Kollegen aus Israel und weiteren Partnern in Europa realisieren. Als Historiker und Politikwissenschaftler stelle ich mit Schrecken fest, was sich mittlerweile an Radikalismus, insbesondere Antisemitismus und Xenophobie im Internet  abspielt. Aber das, was dort »offensichtlich« lesbar ist, ist leider nur die Spitze eines Eisberges. Denn unabhängig von den Parallelnetzen, dem sogenannten Darknet, existieren bestimmte Codes und Symbole, die nicht auf Anhieb ersichtlich und entschlüsselbar sind. Es bedarf auch hier neuer Technologien, den Hasspredigern und geistigen Brandstiftern auf die Schliche zu kommen, um ihrer dann in einem zweiten Schritt habhaft zu werden. Das Projektteam, das wir gegenwärtig zusammenstellen, bringt ein geballtes Know-how mit, von dem wir hoffen, das es helfen wird, in der Gesellschaft sich abzeichnende Radikalismustendenzen schon in ihrer Entstehungsphase zu erkennen. 

FUTUR: Wie erleben Sie die Zusammenarbeit von Ingenieuren und Geisteswissenschaftlern? Welche Synergien ergeben sich daraus?

Schoeps: Für mich ist es eine ganz neue Erfahrung und ich sehe das enorme Potenzial im Zusammenwirken von Natur-, Ingenieur- und Geisteswissenschaften. Da, wo die Methoden der Geisteswissenschaften an ihre Grenzen stoßen, setzen das Wissen und die Möglichkeiten der Ingenieurswissenschaften ein. Das ist beispielsweise bei unserem Grabstein-Projekt erkennbar. Ich bin wirklich begeistert von unserer Kooperation und sehe für die Zukunft viele positive Sichtweisen und Synergien, die sich daraus ergeben. Ich hoffe, dass diese Kooperationsform zwischen Natur- und Geisteswissenschaften auch bei anderen Projekten Schule machen wird.

FUTUR: Sie sind Anfang Dezember auch auf unserer Fachkonferenz »Kulturgüter sichern: Berlin-Visegrád Konferenz zu neuartigen Digitalisierungs- und Rekonstruktionstechnologien« im Roten Rathaus dabei. Kommt die Wissenschaft ohne Politik nicht aus?

Schoeps: Nein, eher sollte die Frage umgekehrt gestellt werden: Kommt die Politik ohne Wissenschaft aus? Wohl eher nicht.  In bestimmten Politikfeldern benötigen die Politiker die Expertise der Wissenschaft. Ein Projekt, mit dem wir uns gerade beschäftigen, ist die Sicherung des deutsch-jüdischen Kulturerbes im In- und Ausland. Wir entwickeln hier Fragestellungen, die der wissenschaftlichen Expertise bedürfen. Hier steht das Moses Mendelssohn Zentrum mit dem Fraunhofer IPK in einem fruchtbaren Gedankenaustausch.

FUTUR: Sie haben vor kurzem ein Moses Mendelssohn Institut gegründet. Was haben Sie damit vor?

Schoeps: Im Sommer ist das Moses Mendelssohn Institut als eigenständige GmbH aus der erfolgreichen Forschungsabteilung der GBI AG, einem Immobilienentwickler und zugleich Beteiligungsunternehmen der Moses Mendelssohn Stiftung, entstanden. Ein Schwerpunkt der Institutsarbeit liegt auf Untersuchungen zum gesellschaftlichen Wandel und den Auswirkungen auf die Entwicklung von Städten und Regionen.  

Neben immobilienbezogenen Markt- und Standortanalysen widmet sich das MMI auch der Beschäftigung mit dem historisch-kulturellen Erbe. Fragen der Denkmalpflege und Erinnerungskultur spielen hier ein Rolle. In diesem Kontext ist das bereits erwähnte Projekt der Wiederlesbarmachung von Inschriften auf Grabsteinen (MoGraLes) mit dem Fraunhofer IPK zu nennen.

Das MMI ist aber auch offen für andere  Kooperationen, zumal es um multiperspektivische Themenzugänge geht. So läuft beispielsweise gerade ein Interessensbekundungsverfahren für ein Projekt, das wir gemeinsam mit dem Fraunhofer IRB und einer renommierten Hochschule durchführen wollen. Das MMI kann hier – und das wünschen wir uns – als Schnittstelle zwischen Forschung, Wissenstransfer und Wirtschaft einen Beitrag leisten.

Zur Person

Dr. Julius H. Schoeps ist Professor Emeritus für Neuere Geschichte und Gründungsdirektor des Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien an der Universität Potsdam. Zuvor war er von 1993 bis 1997 Gründungsdirektor des Jüdischen Museums der Stadt Wien. Gegenwärtig ist Schoeps Vorstandsvorsitzender der Moses Mendelssohn Stiftung mit Sitz in Berlin und Erlangen. Zu seinen zahlreichen Veröffentlichungen zählen »Das Erbe der Mendelssohn. Biographie einer Familie« (2010), »David Friedländer. Freund und Schüler Moses Mendelssohns« (2012), »Der König von Midian. Paul Friedmann und sein Traum von einem Judenstaat auf der Arabischen Halbinsel« (2014) sowie »Begegnungen. Menschen, die meinen Lebensweg kreuzten« (2016).

Kontakt

Dr. Julius H. Schoeps

moses@mendelssohn-stiftung.com

www.moses-mendelssohn-stiftung.de